[18 GESCHICHTEN: DER VERLUST]
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Als vor drei Wochen der Brief kam, beschloss ich, nicht auf ihn zu reagieren und das Klassentreffen zu versäumen. Eine sinnvolle Begründung würde mir schon einfallen, Arbeit, Arbeit, alle Hände voll. Keine Lust auf Ehemalige und sorgfältig Vergessene. Natürlich bin ich hingegangen, schließlich war es vollkommen egal, wo ich mich langweilte. Ich gab mir den Anschein mittelständischer Zufriedenheit, sportlich elegantes Äußeres, Lederbrieftasche, frische Rasur. Ein paar Scheine hatte ich einstecken, dazu einige Münzen und irgendwelche Plastikkarten. Gegen acht ging ich los. Wie erwartet war die gesamte Exklasse versammelt, wie erwartet sahen alle genauso fröhlich aus wie ich und wie erwartet unterhielten sich alle über die erwarteten Belanglosigkeiten. Kinder, Beruf, Anekdoten von früher. Marcel setzte sich neben mich, machte eine lustig gemeinte Bemerkung, ich sähe aus wie ein frisch geficktes Eichhörnchen. Ich lächelte fromm und trank ein Wasser, gab mich ein bisschen wortkarg. Damalsfreuden mit meinem alten besten Kumpel durchzugehen erschien mir wenig reizvoll. Zum Glück sah er das ähnlich und beachtete mich nach diesem Auftakt nicht weiter. In der Runde wurden die Lebenserfolge aufgelistet. Alle hatten es zu etwas gebracht, konnten ihr topmodisches Outfit mit Kaufkraft stützen, arbeiteten in Kliniken, Agenturen oder Blumenläden. Einzig ich hatte nichts vorzuweisen. Mit fast Dreißig nach wie vor ohne eigenes Einkommen, die Dissertation lag schon beinah ein Jahr zurück, die Eltern drängelten immer häufiger, irgendwelche Bemühungen und Anstrengungen seien nötig, zu einer Freundin oder Familie hab ichs auch nicht gebracht. Meinen wenigen Freunden geht es ähnlich, alle retten wir uns mit Gelegenheitsjobs durch die Tage. Wahrscheinlich habe ich einfach die falschen Freunde, Erfolglosigkeit färbt ab, genauso wie Beziehungsunfähigkeit. Häufig sitzen wir dann in irgendwelchen Kneipen und verdammen unser Unglück, himmeln die hübschen Kellnerinnen an und so weiter. Normalerweise aber sitze ich aber in meiner Einraumwohnung, die schon lange keinen anderen Menschen mehr empfangen hat, und trinke mich zu Bett. Die Gelegenheit zum wirklichen Leben wird schon noch kommen, davon bin ich überzeugt. Was sich mir hier allerdings bot, zählte sicherlich nicht dazu. Ich empfand nicht einmal Neid auf das Glück meiner Exmitabiturienten. Im Gegenteil, ich genoss es, die Negativquote zu erfüllen, nicht zu den Situierten zu gehören, aber genauso aussehen zu können. Ich hätte nicht gedacht, dass Minderwertigkeit auch etwas Schönes sein konnte. Allerdings nicht lange, denn mein bester Kumpel Marcel fiel nun erneut mit Fragen über mich her und ich entkam ihm nur durch einen Vortrag über die adlige Kleidung in mittelalterlichen Romanen. Stoffe, Schnitte, Wappen, Rüstungen, das Leuchtende, die Verbindung von Schönheit und Güte. Warum hab ich so ein albernes Wissen und der Trottel neben mir verdient sich ein ödes, solides Leben. Marcel sah mich mit diesem Blick an, der pures Bedauern ausdrückte. Er widerte mich an. Obwohl ich das schon zur Genüge erlebt hatte, wurde ich wütend, dass mich dieser Kerl so anblicken durfte. Gleichzeitig wusste ich, dass ich genauso geschaut hätte, wenn ich an seiner Stelle gewesen wäre. Nun ja, er tat mir auch leid. Ich wandte mich ab. Immerhin, mit mir beschäftigte sich niemand besonders. Zeit zu rauchen, sich umzuschauen, in Gesichter zu blicken, ob sie attraktiver oder dümmer geworden waren. Meine erste Liebe, Nicole, war aufreizend fett geschminkt. Sie trug eine silberne Kette, mit Herzchen, ihre großen Brüste hatte ich damals bewundert wie so ziemlich jeder in der Klasse. Mit aufrechter Haltung, Boutiquenfrisur, einem Glas Wein in der Hand, sprach sie von ihrem zweiten Kind und der modernen Bourgeoisie. Ich hatte ihr früher wirklich mal zugetraut, als Entwicklungshelferin nach Südamerika zu gehen. Tatsächlich hatte es kaum jemand aus der Stadt, geschweige denn außer Landes geschafft. Mich inbegriffen. Marcels Witze langweilten. Trotzdem gelang es mir, als letzter zu gehen und eine hohe Rechnung begleichen zu müssen. Ein paar Münzen blieben. Die Nacht war herbstlich kühl und ein Nieselregen fiel. Angeblich zog ein Tief über Schottland nach Mitteleuropa. Ich hatte noch ein bisschen Sehnsucht oder ähnliches zu verbrauchen und bemühte mich, den Regen als angenehm und very british zu empfinden. Tatsächlich ekelte er mich, aber das ging niemanden etwas an. Außerdem war es weniger Sehnsucht als vielmehr Aggression gegen irgendetwas, was ich lieber stillschweigend im Regen ertrug, anstatt irgendwo eine Rauferei zu beginnen. Ich hatte Angst vor Schmerzen. Also lief ich. Einfach geradeaus oder sonstwohin, nach hause wollte ich nicht. Der Regen fiel, die Straßenlampen schnitten gelbe Kegel heraus. Meine Sachen waren inzwischen sacknass, ich fror. Ich kam an einer Kneipe vorbei, in die ich mich gern gesetzt hätte, nur um nicht mehr laufen zu müssen, aber ganz pleite nach hause gehen wollte ich auch nicht. Vielleicht hätte ich mich anders entschieden, wäre es ein Bordell gewesen. Ich fror weiter. Ich lief durch das Viertel, in dem Marcel wohnen musste. Er war vor etwas mehr als einer Stunde von diesem Klassentreffen gegangen, pünktlich halb Elf. Halb Elf muss ich los, hatte er gesagt. Er war längst schon zuhause. Es sei denn, er hatte irgendwo ein Flittchen. Soviel Schneid traute ich ihm nicht zu. Es war sein Viertel, ich erkannte es wieder. Ich ging zu seinem Haus und klingelte mehrmals. Er öffnete verschlafen. Ich schlug ihn nieder. Er wehrte sich fast gar nicht. Er fiel auf die Treppe vor seinem Haus, blutete etwas, sagte etwas zu mir. Es war einer von seinen beschissenen Witzen. Er erzählte ihn noch einmal, ich lachte wieder nicht. Aber alle anderen lachten lauthals. Die Gläser klirrten kameradschaftlich aneinander, die damalige Klassenbeste bog sich. Ihr dünnes Haar fiel in ihren Wodka, ihr weitaufgerissener Mund ekelte mich. Als ich das blöde, um Contenance bemühte Gesicht meiner ersten Liebe sah, musste ich auf Toilette. Wie ich mich damals nur in diese Frau hatte verlieben können. Dass man sich das immer fragt, wenn man seine alten Lieben wiedersieht. Wahrscheinlich steht man als Pubertierender auf große Brüste und wulstige Lippen. Beim Pissen rechnete ich es mir hoch an, dass ich nicht so dumm war zu glauben, man könne sich nur einmal, das erste Mal nämlich, wirklich verlieben. Tatsächlich hatte ich mich noch nie verliebt. Vielleicht bin ich auch bloß zu anspruchsvoll und Liebe ist weniger eine Frage des Gefühls denn des Arrangements, man musste sich nur zur rechten Zeit aus dem Weg gehen können. Nicole zum Beispiel hab ich nie gefickt, wahrscheinlich hätte ich sie dann leichter ignorieren können. Marcel stellte sich neben mich ans Pissoir. Sein kleiner, dicker Schwanz sah verbraucht aus, der Urin tropfte spärlich. Was ist los, fragte er, du bist doch früher nicht so schlecht gelaunt gewesen. Was wusste dieser Idiot schon von früher. Ich sagte, wahrscheinlich hab ich früher immer rechtzeitig lächeln können, aber in zehn Jahren verbraucht sich viel. Sieh an, ein Enttäuschter, rief er aus. Bin nicht in Stimmung, sagte ich und wollte weg. Marcel hielt mich zurück. Lass uns woandershin. Ich war so überrascht, dass ich zusagte. Wir verabschiedeten uns, wechselten das Lokal. Ich hatte plötzlich nichts mehr einzuwenden gegen seine Anwesenheit. Selbst seine Witze wurden erträglicher, wenn auch noch immer nicht komisch. Seis drum, wir unterhielten uns großartig. Ich fragte mich, was ich vorhin an ihm so abstoßend empfunden hatte. Wir erzählten uns unsere Abneigungen gegen Ehemaligentreffen und lachten ausgiebig über den langweiligen Haufen, der unsere Klasse gewesen war. Wir verstanden uns so gut wir früher. In einer sparsam beleuchteten Bar lud mich Marcel zu einem Cocktail ein. Die süße Kellnerin schien mich attraktiv zu finden, Marcel schäkerte mit seiner Nachbarin. Die Kellnerin küsste mich, ich küsste sie. Sie trug ein tolles Parfum und sah aus wie ein Pornostar, das machte die Sache leichter. Marcel und seine Nachbarin verschwanden irgendwohin, wir wollten uns auf jeden Fall wiedersehen. Seine Ausstrahlung oder Anziehungskraft auf Frauen hatten offenbar auch auf mich abgefärbt. Sie hieß Monique und wir konnten es kaum abwarteten, dass sie endlich Dienstschluss hatte. Ich vögelte sie fast noch auf der Straße. Aus dieser überstürzten Nacht entwickelte sich zu unserer beider Überraschung eine ernsthafte Beziehung. Auch, nachdem Monique eine Stelle in Hamburg gefunden hatte, blieben wir zusammen. Ich fand ebenfalls in Hamburg plötzlich einen Job. Wir zogen zusammen und hatten guten Sex. Marcel kam zur Hochzeit. Seine dummen Witze nervten kollossal. Wie dieser Mensch neben mir einmal mein bester Kumpel sein, eine Frau finden und ihr ein paar Kinder machen konnte, ist mir vollkommen unklar. Wie so vieles an diesem Abend. Ich bin nicht lange geblieben. Ich wollte sie alle nie wieder sehen, am besten umziehen, in irgendeine andere Stadt. Ich trank irgendwo ein Bier zur Beruhigung, ich hatte insgesamt weniger ausgegeben, als ich erwartet hatte. Die Nacht war nicht sehr kalt, es regnete nicht. Ich ging am Fluss spazieren. Aus einer Wohnung drang lautes Reden, ein Streit. Er verzieh ihr etwas nicht. Vor einem Club prügelten sich zwei Kerle um irgendetwas. Ich überlegte, ob ich bei Nicole vorbeigehen sollte, sie wohnte hier in der Gegend. Ob ich bei ihr klingeln sollte. Was ich von ihr wollte. Nichts. Zum Glück wusste ich ihre Adresse nicht. Die Nacht wurde kälter. Meine Wohnung lag am anderen Ende der Stadt. Ich setzte mich in ein Buswartehäuschen, rauchte. Warf Marcels am PC geschriebenen Brief in die Nacht, die Einladung für das dumme Klassentreffen. Später kam ein Bus, ich war noch immer nicht eingeschlafen. Der Bus war fast leer. Er fuhr irgendwohin, durch Gegenden, die ich noch nie betreten hatte, obwohl ich schon lange in der Stadt wohne. Äste kaum sichtbarer Bäume klatschten an die Scheiben, allmählich verschwanden die Lichter aus den Straßen. An irgendeiner Station stieg ein Mann ein, der mich unverwandt ansah. Er blickte so treu wie hilflos. Ich erwartete, dass er gleich einen beschissenen Witz machen würde. Er blieb stumm, sah mich aber weiterhin an. Offenbar war der Mann nicht ganz klar im Kopf, zurückgeblieben, regrediert, schwachsinnig, ein Idiot. Er lächelte hin und wieder, wobei ich seine schlechten Zähne erkennen konnte. Der arme Kerl wurde sogar ein bisschen traurig, als ich nicht zurücklächelte. Irgendwann warf uns der Busfahrer raus, ich saß in einem hässlichen Vorort, der Verblödete neben mir im Häuschen. Ihm gefiels. Gegenüber hatte eine Kneipe tatsächlich noch geöffnet, sie schien grausam zu sein, Fahnen wehten überm Eingang. Ich lächelte dem Schwachkopf neben mir zu. Möchtest du mein Freund sein? Ich verstand nicht sofort. Der Idiot wiederholte seine Frage, wobei er in breites Grinsen verfiel und sich an mich kuschelte. Ich streichelte ihn etwas. Hast du Geld, fragte ich ihn. Der Idiot schien nicht verstanden zu haben, er kicherte. Ein paar nachdrückliche Ermahnungen und einige Schläge förderten bei ihm Münzen und zerknitterte Scheine hervor. Na also. Der Trottel lag unter der Bank und wimmerte. Ich ging durch den dunklen Vorort. Als ich ihn verlassen hatte, warf ich das Geld weg. Ich ging weiter.
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© sascha preiß 2003
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