Russland von nah und fern: Zur Medienkritik in Deutschland

Dienstag, 30. Dezember 2014 2:04 | Autor:

2014 war ein miserables Jahr für die russisch-europäischen Beziehungen. Die innerukrainischen politischen Proteste, die am 18. Februar mit 80 Toten eskalierten, führten schließlich zur Flucht des Präsidenten und seiner Absetzung, einer vollständigen politischen Reorganisation der Ukraine, zum illegalen Verlust der Halbinsel Krim und zum Bürgerkrieg im Osten des Landes, bei dem im März ein völlig unbeteiligtes Verkehrsflugzeug abgeschossen wurde. Ereignisse, die bei allen beteiligten Parteien (Ukraine, Russland, EU, USA) bislang nur Verlierer hervorgebracht haben: in erster Linie die Bevölkerung der Ukraine – man geht bislang von rund 4500 Toten aus, mehreren Hunderttausend Flüchtlingen, einer desaströsen Versorgungslage und kaum Hoffnung auf Beendigung des Konfliktes -; durch Sanktionsregelungen enorm belastete politische und wirtschaftliche Beziehungen, die bislang keineswegs geholfen haben, den Konflikt irgendwie zu entschärfen; eine von extremer Abwertung und starker Rezession betroffene russische Währung und Wirtschaft; eine Renaissance simplifizierender Denk- und Handlungsmuster aus dem Kalten Krieg. Diese gesamteuropäische Katastrophe, vor einem Jahr noch absolut undenkbar, wurde medial außerordentlich breit und intensiv diskutiert. In Deutschland löste die Berichterstattung in den großen überregionalen Medien (ARD/ZDF, Deutschlandradio, Zeit, Süddeutsche, Spiegel etc) z.T. sehr heftige, z.T. sehr berechtigte Kritik aus, da sie als zu einseitig, deutlich propagandistisch und abwertend gegenüber der russischen Seite wahrgenommen wurde. Das Unbehagen gegenüber den politischen Ereignissen, ihren Akteuren und der medialen Darstellung äußerte sich schließlich in einem hohen Vertrauensverlust gerade in die Medien, der sich zu klassischen Verschwörungstheorien (Medien sind in der Hand einer kleinen Gruppe, diese verbreiten amerikanisch gesteuerte bzw staatlich kontrollierte Propaganda und seien daher sowieso nur eine “Lügenpresse”, mit der man sicherheitshalber den Kontakt meiden sollte) auswuchs.

In dieser Situation reiste ich im August für etwas mehr als drei Wochen zu Freunden nach Irkutsk und an den Baikal. Als ich wieder zurückkehrte, war ich sehr müde und irritiert. Mein Onkel fragte mich per Mail, ob ich es nicht bereuen würde, wieder in Deutschland zu sein angesichts einer antirussischen Medienlandschaft. Doch ich hatte im medialen Russland gerade etwas ganz anderes erlebt: antiwestlicher, antiamerikanischer, antiukrainischer, unversöhnlicher Zorn.

Damals in Kroatien habe ich erstaunt zugehört, als davon erzählt wurde, wie der Krieg die Familien zerstörte. Beinahe von einem auf den anderen Tag zerstritten sich Ehepaare, trennten sich auf nimmer Wiedersehen oder schlugen sich die Schädel ein. Vormals interkulturelle Familien, die sich scheinbar von einem auf den anderen Tag, während und nach dem Krieg “reinigten”. Was für ein unbegreiflicher Wahnsinn hatte die Leute ergriffen! Es waren Erzählungen, greifbar nahe, aber mir blieb nichts als stumm, fasziniert, geschüttelt vor Irrsinn und Kälte zuzuhören.

Sibirien ist normalerweise eine Gegend, in der man vor Krieg ziemlich sicher ist. Das letzte Mal wurde dort während der Eroberung des Landes durch die Kosaken geschossen, vor 350 Jahren. Und doch spürte man die permanente Anwesenheit eines Krieges in mehr als 5000km Entfernung. Da ich von noch etwas weiter weg angereist war – am Baikal bohrte ich ein Holzschild an einen Mast mit der genauen km-Angabe der direkten Luftlinie – wurde ich von allen Seiten gefragt, was denn aus meiner (exemplarisch deutsch-europäischen) Perspektive da hinten, im Grenzland, in der Ukraine los ist. Ich sprach mit sehr vielen, mit Schauspielern, Studenten, Kindergärtnerinnen, Taxifahrern, Dozenten, Wachpersonal, Verkäuferinnen, Bankangestellten, Juristen, unserem ehemaligen Kindermädchen, Freunden, Freunden und nochmals Freunden. Irgendwann hing mir das Thema zum Hals raus. Am Anfang war ich vorsichtig und bemüht, meine Gedanken überhaupt erst einmal auf russisch zu formulieren, dann diplomatisch zu bleiben, denn ich hatte die Frage wohl erwartet, nach dem Beginn der Sanktionen, doch war ich mir uneins meiner eigenen Haltung. Ich verabscheute die russische Politik, weil sie nationalistisch war und Kritik nicht duldete, ich war allerdings auch mit der europäischen Politik nicht einverstanden, weil sie es sich wie so oft viel zu einfach machte und auf Russland wie auf ein ungezogenes Kind blickte. Im Grunde wusste ich: ich war insgesamt nicht einverstanden, aber das ist natürlich keine sehr schwierige Haltung angesichts eines Krieges. Und dann erfuhr ich, wie sehr der Krieg bereits in den Menschen war. Denn sehr sehr viele Russen haben mit der Ukraine zu tun, alle haben Bekannte, Verwandte, Freunde dort. Alle fiebern sie mit und alle schauen sie mit Erregung und Schmerz auf das, was geschieht. Zumindest auf das, was sie von den Geschehnissen sehen können. Und das war etwas ziemlich anderes als das, was ich zu sehen bekam auf der anderen Seite der Ukraine. Wobei ich in diesem Augenblick nicht unbedingt hätte entscheiden wollen, was davon näher an der Realität lag. Jedenfalls erzählte Ediks Frau Anna, die ich gleich in den ersten Tagen traf, von ihren Großeltern in Wladiwostok, seit über 60 Jahren verheiratet, sie Ukrainerin, er Russe, und dass sich plötzlich niemand mehr wagt, in ihrer Gegenwart über die Ukraine zu sprechen, denn die Alten bekommen sich sofort in die Haare. Vollkommen unversöhnlich: Plötzlich stehen sich alte Freunde als Feinde gegenüber oder gehen im Streit getrennte Wege. Ein tiefer Riss steckte in den Familien, und mir war er nicht nachvollziehbar. Eine Freundin, später, bei einer Diskussion auf Facebook, formulierte es völkisch-national: ich könne es nicht verstehen, da ich kein Russe sei. (Eine sehr weit verbreitete Haltung, nicht nur in Russland.)

Das war eine Warnung, den Weg des Versöhnlichen zu suchen, des Diplomatischen. Denn während ich nach meiner Sicht gefragt wurde, interessierte mich doch auch die Sicht meiner Freunde. Insbesondere unter den jungen Leuten gab es viele, die eindeutig auf der russischen Seite standen und die Übernahme der Krim als “schon immer unsere Insel” verteidigten. Manche freuten sich auch über die Sanktionen, denn nun könne Russland sich von der “amerikanischen Wirtschaft” befreien und eigene Wege entwickeln. Ein Tontechniker schwärmte von den Fortschritten der russischen Atomenergiegewinnung, denn es gäbe bereits eine ganz neue Generation von Reaktoren, die in der Lage wären, den Atommüll zu fast hundert Prozent in Energie umzusetzen, so dass diese Energieform vollständig sauber sei. Und hochgradig effizient, denn alle regenerativen Energien hätten miserable Energiebilanzen (von Windkraft würden nicht einmal 15% in Strom umgesetzt, von Sonne noch weniger etc), aber aus Atomen gewinne man über 90% ihrer Energie – weshalb Europa auf rückständige Formen setzen und daher bald auf russische Energie angewiesen sein würde, den Sanktionen sei Dank. Es gab aber auch ganz eindeutig weniger begeisterte Töne, wenn auch deutlich seltener. Manche überlegten ganz offen, das Land zu verlassen. Nicht allein aus pazifistischen Gründen, sondern weil das Klima insgesamt giftig wurde. Aggressiv. Politiker forderten in TV-Talkshows einen Eroberungskrieg bis nach Kiew.

Was in der Ukraine passierte, war ganz offensichtlich ein innersowjetischer Krieg, ein Sezessionskrieg, der nicht zu gewinnen war, in dem es nur eindeutige Haltungen gab, ja oder nein, in dem Differenzierungen bereits Differenzen bedeuteten und damit problematisch waren, ein Kampf, bei dem man sich zu entscheiden hatte, auf wessen Seite man stand – ein zutiefst nationalistischer Konflikt. Vladimir Sorokin sprach deshalb auch von den Geburtswehen, mit denen man sich von der Sowjetunion verabschiedete, indem Russland die Ukraine zur Welt brächte als eigenständiges Wesen.

Wie heftig diese Wehen schmerzten und welcher Furor sich damit verband, erlebte ich nach der Hälfte meines Aufenthaltes, als ich bei Edik an einem ruhigen Nachmittag fernsah. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich nicht gesehen, wie im russischen TV über den Konflikt berichtet wurde. Jetzt sah ich es. Erster Kanal. Vesti. NTV. Die Nachrichten über die Lage in der Ukraine präsentierten ausschließlich Verbrechen der ukrainischen Armee an der russischen Bevölkerung (gern dargeboten von einer heulend berichtenden alten Frau vor ihrem Haus, ein ewig wirkungsvoller Topos in der Darstellung) und Mitglieder des “Rechten Sektor”, die irgendeine Forderung an den Ministerpräsidenten stellten und damit den faschistischen Kern der politischen Ukraine bezeugen sollten. Während man also den Medien in Deutschland Einseitigkeit vorwarf, dachte ich mir, was müsste man diesen Nachrichten attestieren? Doch erst, nachdem ich eine Sondersendung zu einem Konzert des in Russland außerordentlich populären Musikers Andrej Makarevich gesehen hatte, wusste ich, wie tief die Euromaidan-Ereignisse Russland irritiert und verstört hatten. Makarevich, der alle wichtigen Staatspreise Russlands als Künstler erhalten hatte, die man erhalten kann und sowohl Solo auftrat als auch mit seiner Band “Mashina Vremeni” (von Dmitri Medwedjew als seine Lieblingsband bezeichnet), hatte sich nach Putins Ankündgung zur erneuten Präsidentschaft als deutlicher Kritiker der russischen Politik offenbart und hatte dabei keineswegs an Ansehen verloren. Bei einem Konzert in Irkutsk 2012 kamen nicht nur viele KollegInnen von uns, sondern als letzter Zuschauer erschien Viktor Kondrashov im Saal, damals Bürgermeister von Irkutsk und Mitglied von “Edinnaja Rossija”. Nun aber, im August 2014, war Makarevich in tiefste politische Ungnade gefallen, nachdem er bei den Moskauer Bürgermeisterwahlen 2013 den Oppositionskandidaten Navalniy unterstützt hatte und Anfang 2014 am Moskauer Friedensmarsch teilgenommen und sich damit deutlich gegen die russische Unterstützung der Separatisten gestellt hatte, war er im August auf Einladung der ukrainischen Seite nach Svjatogorsk gereist und hatte dort ein Konzert vor Flüchtlingen des Donezker und Lugansker Gebietes gespielt. Aus Sicht des russischen Fernsehens eine Todsünde: Makarevich wurde als Volksverräter, Lügner, Jude und Unterstützer des Faschismus beschimpft, er wurde herabgewürdigt, lächerlich gemacht und beleidigt – für ein Konzert vor (mehrheitlich) ukrainischen Kriegsflüchtlingen. Im Umkehrschluss zu seiner Aufforderung an die Separatisten von Donezk und Lugansk, doch einfach nach Russland zu migrieren statt den Krieg zu forcieren, wurde ihm nahegelegt, die russische Staatsbürgerschaft zurückzugeben und die ukrainische anzunehmen. Abgeordnete der Duma forderten die Aberkennung sämtlicher Auszeichnungen, da Makarevich schon lange ein “Unterstützer des Faschismus” sei und er “die Seite der Feinde Russlands” gewählt habe. Die Diskussion über Makarevichs Konzert und die ihm voll tief empfundener Verachtung angedrohten Strafen, dazu die Darstellung Makarevichs in den Medien fand ich schockierend. Mir war bis zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst, welcher Zorn in die russische Gesellschaft gefahren ist, mit welcher Unversöhnlichkeit die Meinungen und Ansichten aufeinanderprallen. Und welche Gewalt im Sprechen über und in der Darstellung von anderen Meinungen herrscht. Makarevich wurde ohne jeglichen Respekt behandelt, seine Beweggründe lächerlich gemacht und als idiotisch abgekanzelt. Ich hatte den Eindruck, dass eine Gesellschaft, die nicht mehr in der Lage ist, sich selbst in ihrer Meinungsvielfalt zuzuhören, sondern einen unbarmherzigen Furor betreibt aufgrund eines Konzertes für Flüchtlinge (!!!), dass diese Gesellschaft dabei ist, sich selbst zu zerstören.

Und was immer auch in den deutschen Medien (ohne Boulevard-Zeitungen) zu sehen, lesen oder hören ist, wie deutlich die Darstellung auch für eine Sichtweise Partei ergreift oder selbst propagandistisch ist – die hiesigen Medien sind nach wie vor in der Lage, sich selbst wahrzunehmen und Kritik an sich und ihren Beiträgen und Kritik an politisch gefärbten Darstellungen zu üben, einzufordern und wiederzugeben. Derart gewalttätige Beleidigungen, die einem Exorzismus gleichen und das Ziel haben, abweichende Meinungen zu unterdrücken, findet man allerdings hier nicht.

Thema: Anti-Terror, Baikal, Russland | Kommentare (0)

Das Leuchten

Sonntag, 17. August 2014 15:29 | Autor:

Männer müssten unterwegs sein, sagt Edik. Ein Haus zu haben sei gut, Familie zu haben sei gut, und eine Frau könnte damit ganz zufrieden sein. Männer jedoch brauchten eine Herausforderung, sagt er. Du solltest dir die Kämpfer in der Ostukraine als glückliche Menschen vorstellen, egal auf welcher Seite. Die Bilder im Internet zeigen es, das Leuchten in ihren Augen. Die Freude der Männer. Dass etwas passiert. Dass sie eine Aufgabe haben. Dass sie nützlich sind. Gebraucht werden, nach Jahren des Niedergangs. Dass ihre Energie Verwendung findet, mit edlen Motiven. Haus und Familie zu verteidigen, dagegen lässt sich schwer was einwenden. Dieses Leuchten in den Augen der Männer sei einzigartig, wie bei Löwen, die um die Braut streiten. Ein Glück, wie beim Gesang der Sirenen, von dem man sich kaum befreien kann. Diese Männer ziehen von Freude zu Freude, von Krieg zu Krieg. Wie William James in The Hurt Locker. Ein glücklicher Mensch, überall glückliche Männer.

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Theaterworkshop

Dienstag, 12. August 2014 19:38 | Autor:

In den vergangenen fünf Tagen waren Lili und ich in Bolshoe Goloustnoe im Rahmen des Festivals “Алые паруса – Leuchtend rote Segel”, ein sehr tolles Treffen von irkutsker Amateurtheatergruppen. Dort hatte ich schon im letzten Jahr einen Workshop zu Improvisationstheater gemacht, dieses Jahr also wieder (und sehr gerne auch in Zukunft). Diesmal tauchte mittendrin ein Fernsehteam auf und interviewte mich zwei Minuten. In ihrem Bericht rede ich “mit starkem Akzent zu den Sibiriern”, allerdings bin ich auch ein “professioneller Theaterregisseur”. Wenn das keine Freude ist, weiß ich auch nicht.

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Rückkehr

Dienstag, 29. Juli 2014 6:25 | Autor:

In wenigen Tagen werde ich nach knapp einem Jahr – 2013 war ich den gesamten August noch einmal in Irkutsk und Bolshoe Goloustnoe – endlich wieder nach Sibirien reisen. Mit Lili, die unbedingt mitfahren wollte. Sie hat schon sehr oft gefragt, wann wir einmal wieder an den Baikal fahren. Und neulich sagte sie, dass ihr Lieblingsland Russland sei. Dann spielte sie mit einer Plüschfigur des kleinen Maulwurf und mir, vollständig auf russisch. Ich bin noch immer sehr beeindruckt, dass sie mit Hilfe ihres Hamburger Kindergartens noch so viel und gut russisch spricht. Am Samstag morgen sind wir dort. Ужасно радуемся.

Thema: Baikal, Irkutsk, Liljana | Kommentare (0)

Die vorletzte Nacht

Donnerstag, 27. Juni 2013 1:59 | Autor:

In 30 Stunden werden wir – vorerst – Irkutsk verlassen, unser Aufenthalt in Sibirien nähert sich dem Ende. Es ist die vorletzte Nacht in der Stadt, in der wir fünf Jahre lebten, in der sich unsere Familie verdoppelte. Es ist eine ruhige Nacht, der Regen hat aufgehört, irgendwo bellt ein Hund irgendetwas an, irgendwo werden von Gespinstmotten befallene Apfelbäume gefällt, irgendwo streitet sich wer und nebenan wird sich geliebt; eine völlig normale Nacht führt zu einem nicht weiter bedeutendem Tag, und es fühlt sich gut an. Immer wieder sind wir in den letzten Tagen bei Verabschiedungen von Freunden und Kollegen gefragt worden, was wir aus “dem rauen, wilden, unzivilisierten Sibirien” mitnehmen, was wir vermissen werden.

- den herrlichen Winter, ganz sicher. Viel Schnee, viel Sonne, viel blauer Himmel. Bei -30° einen Sonnenbrand zu bekommen, klingt paradox, ist aber hier nichts Besonderes. Und es ist einfach so: der Winter ist die eigentliche sibirische Jahreszeit.

Mit dem Hundeschlitten über einen zugefrorenen Fluss brettern

Mit dem Hundeschlitten über einen zugefrorenen Fluss brettern

- die Natur, diese unsinnig weite, unglaublich schöne Welt jenseits der Stadt, in der Leben nach anderem Maß geschieht. Auch: die Beeren, die Früchte, die auf den Märkten angeboten werden.

Steppenlandschaft bei Jelanzy

Steppenlandschaft bei Jelanzy

- die Kunst, Fisch zuzubereiten. Gekocht, geräuchert, roh, gesalzen, gefroren, getrocknet oder gebraten – ich habe nirgends besseren Fisch gegessen. Ignorieren Sie die hier sehr populäre kulinarische Mode Sushi. Aber essen Sie auch nur wenig Omul, die Bestände brauchen Erholung.

Kleiner Fischverkauf bei Listwjanka im Winter

Kleiner Fischverkauf bei Listwjanka im Winter

- überhaupt die Kunst des Selbermachens. Ob es die eigene Ernte von der Datscha oder die im Wald gesammelten Beeren und Kräuter sind: wenig ist wichtiger als selber Rezepturen ausprobieren und anbieten. Die Dekanin kostet einen Salat während einer Lehrstuhlfeier. Wer hat den gemacht, blickt sie beinah drohend ins Kollegium. Eine jüngere Dozentin meldet sich. Die Dekanin zitiert diese mit dem Zeigefinger zu sich: Rezept, sofort. Selbstgemachtes verspricht Anerkennung. (Und überhaupt, diese Geselligkeit.)

Jahreswechselfeier im Kreis der Kollegen

Jahreswechselfeier im Kreis der Kollegen

- die überfordernde Herzlichkeit der Menschen, wenn man sich ihnen geöffnet hat. Mit Musik z.B. (selbstgemacht, Gitarre) geht das. Herzlichkeit ist Vertrauen. Edik war wirklich sauer, weil wir das Versprechen gebrochen, dem gegebenem Wort misstraut hatten. Wir haben zweimal für knapp zwei Wochen sein Haus am Baikal gehütet, er bestand darauf, dass wir und unsere Angehörigen dort seither kostenlos wohnen. Meine Schwiegermutter ließ dennoch Rubelscheine liegen. Inakzeptabel. Selbstverständlich überraschte ich ihn mit einem unangekündigtem Besuch und alles war gut.

Ohne Gitarre ist das Land leer

Ohne Gitarre ist das Land leer

- die Torten, heute z.B. Lilis Geburtstagstorte. Quietschbunt und zuckersüß, umwerfend.

Alles Bunte und Süße zum 4. Geburtstag, Lili!

Alles Bunte und Süße zum 4. Geburtstag, Lili!

- die ziemliche Gelassenheit im Umgang mit Regeln, der auch eine Gelassenheit im Umgang mit Zeit ist. Ein oder zwei illustrative Episoden zu erzählen, bin ich aber leider gerade zu müde, vielleicht morgen…….

Und dann, übermorgen, wenn wir wieder in Deutschland sind, fällt mir wohl noch unendlich mehr ein, was in diese Liste gehörte. Doch zuvor: eine geruhsame Nacht, Irkutsk.

Thema: Irkutsk, Kulinarisches, Russland | Kommentare (0)

Ein bisschen Theater

Montag, 10. Juni 2013 23:22 | Autor:

Vergangene Woche war schön: Kulturtage. Hatte mir dafür einen sehr alten, sehr guten Freund eingeladen, Micha, die Hauptattraktion. Schauspieler am Berliner Ensemble. Machte seine Drohung wahr, eigens für Sibirien Gogols “Notizen eines Irren” zu inszenieren. Wahnsinn, wirklich. Eine Freundin nannte es mutig, denn Gogol sei als zweitklassischster aller russischen Autoren (hinter dem Premiumklassiker Puschkin, der mitten in der Woche Geburtstag hatte und reich beschenkt wurde) ein seit der Schulzeit endgültig ausgelegter Autor, konkrete Bilder im Kopf, konkrete Erwartungshaltungen, wie ein Petersburger Beamter des Zarenreiches auszusehen und sich zu bewegen habe. Die Interpretation des Deutschen treffe das ziemlich sehr überhaupt gar nicht, doch interessant sei es allemal. Eine andere Freundin machte sich voller Bewunderung ernste Sorgen um des Schauspielers Gesundheitszustand: Jemand, der so sehr am Wahn gearbeitet hat, kann doch nicht so ganz ohne davonkommen!

Und zwei Tage später eine Lesung. Brecht, Müller, Brasch. Lyrik im Minenfeld zwischen sozialistischem Idealismus und sich entfremdenden Individuum. Bislang unübersetzt, beinah unübersetzbar. Interessiert das heute noch irgendwen, dieses verstaubte Stück deutsche (osteuropäische) Geistesgeschichte. Doch hatte ich mich vorher einer unfassbar guten Fee erinnert: Alexandra. Die nahm sich Urlaub vom Leben und zauberte sich als des Schauspielers unfehlbare Begleitung in die Welt. Probte mit Micha. Synchrondolmetschte Gogols Erzählung zwei Abende hintereinander. War einen vollen Tag Reiseleiterin. Übersetzte am nächsten Vormittag 50 deutsche Gedichte. Mindestens: Hut ab, aber Hallo, und allertiefste Verneigung.

Und dann war da noch Nadja, junge Dramaturgin am Irkutsker Schauspielhaus, wo die drei Abende (2x Gogol, 1x Lesung) stattfanden. Noch so eine gute Fee, mitten im regnerischen, frühsommerlichen Irkutsk. Sie half bei der ganzen Organisation am Haus. Alles tolle Leute, von der Kartenverkäuferin übers Wachpersonal bis hin zu Schauspielern und Administration. So sehr willkommen und entspannt habe ich mich auf Anhieb nur ganz selten gefühlt. (Sophia, die in Chabarowsk lebt, bestaunte stets die Freundlichkeit in der Stadt: lächelnde Kellnerinnen!) Und weil Micha gestern schon wieder zurückgeflogen war, gab ich Nadja heute seine Geschenke, garniert mit einem großen Blumenstrauß. Und jetzt bin ich eingeladen, im August in Bolshoe Goloustnoe, meinem Lieblingsort am Baikal, einen mehrtägigen Improtheater-Workshop mit Irkutsker Schauspielschülern zu leiten. Ich kann so schlecht Nein sagen.

Und wie wir so im Büro des Theaters saßen, redeten wir über Theater und Autoren. Der bekannteste Irkutsker Dramatiker ist der früh gestorbene Alexander Vampilov, dessen Werke in der Tradition Tschechows stehen (dem drittklassischsten russischen Autor). Vor dem Schauspielhaus steht ein Denkmal, das Theater des Jungen Zuschauers trägt ehrvoll seinen Namen, stets findet sich mindestens eines seiner Werke auf dem Spielplan. Auch in Deutschland wurde er bereits gespielt, allerdings vor einiger Zeit. Und ich bemängelte, dass derzeit in den Irkutsker Buchläden kein Vampilov erhältlich ist. (Da sieht es in Deutschland besser aus, auch wenn es keinen zu interessieren scheint.) Und sofort ging Nadja im Raum auf die Suche. Und ich wusste, ich komme hier nicht buchlos raus. Und mir war das peinlich. Kurz darauf jetzt hielt ich Wampilows Texte in den Händen, eine längst vergriffene (4000 Exemplare), umfangreiche Ausgabe des Irkutsker Vampilov-Fonds von 2002, und fühlte mich ein bisschen wie ein Dieb. Aber wie ein glücklicher. So ein tolles Geschenk habe ich lange nicht mehr erhalten (und ich habe hier sehr viele sehr tolle Bücher geschenkt bekommen).

Alexander Vampilov - Dramaturgisches Vermächtnis. Irkutsk 2002.

Alexander Vampilov: Dramaturgisches Vermächtnis. Irkutsk 2002.

Und nun, nach dieser tollen letzten Woche, ist Zeit nur mehr Frist, es bleiben weniger als 3 Wochen bis zu unserer Abreise. Auch wenn ich im August noch einmal hier bin: Wir werden viele sehr gute Freunde verlassen.

PS bzw Anregung zur Aufheiterung: Ich würde mich riesig über die DDR-Ausgabe von Wampilows Dramen freuen: A.W.: Stücke. Verlag Volk und Welt, Berlin 1976.

Большое спасибо.

Thema: Interkultur, Irkutsk, Sprache | Kommentare (0)

minimal story 26

Sonntag, 5. Mai 2013 23:02 | Autor:

Kaum war ich aus dem Auto gestiegen, das mich vom Baikal zurück nach Hause gebracht hatte, kam der junge Mann schon auf mich zugerannt. “Kein Witz: In welcher Stadt bin ich?” Er war etwa 25 Jahre, hatte ein sonnengerötetes Gesicht und trug unauffällige Kleidung. Der verhetzte, leicht panische Ausdruck in seinen Augen überzeugte mich. “In Irkutsk”, antwortete ich, woraufhin er sich an den Kopf fasste und tief Luft holte. Als er ausgeatmet hatte, fragte er drängend: “Wie komme ich zum Flughafen?” Ich stand neben dem Auto mit meinem Gepäck in der Hand und wollte diesen verirrten jungen Menschen auch einiges fragen, von wo er denn her sei, denn ein benötigtes Flugzeug deutete auf eine etwas entferntere Region Russlands hin; oder wie es ihn so sehr durch das Land geweht hatte, dass er die Orientierung verloren hatte. Statt dessen erklärte ich ihm ein bisschen zu ausführlich den Weg zum Flughafen. Es schien, als ob er zuhörte, während er doch beständig in die Gegend schaute, auf der Suche nach etwas, was ihm Halt böte, das er wiedererkennen oder begreifen könne, das diese unwirklichen Kulissen als gewaltigen Scherz entlarven ließen; als suche er verzweifelt denjenigen, der auf ihn zuläuft und ihm freudestrahlend das Versteck der Kamera offenbart. Aber er dankte nur für meine Wegbeschreibung und murmelte eine Erklärung seiner Lage vor sich hin, dass er mit Kumpels in ..(vernuschelt).. am 1. Mai unterwegs gewesen wäre und schließlich hier aufgewacht sei, allein und ohne Pass und dass er nicht wisse, was das alles soll. Ich wünschte ihm etwas dümmlich “Viel Glück” und hatte doch Zweifel, als er so ungefähr in die Richtung trottelte, die ich ihm genannt hatte. Trotzdem konnte ich mir beim Hinterherblicken ein breites Grinsen nicht verkneifen.

Thema: minimal stories, Russland | Kommentare (0)

In der Zoogalerie

Montag, 29. April 2013 1:11 | Autor:

Letzten Sommer war Lili dann erstmals im Irkutsker Zoo. Weil es dort ziemlich eng ist, die Tiere in minimalen Gehegezellen leben und die Sonne ihr übriges tat, nennt sie diesen Ort seither nur noch “Stinkerzoo”. Was sie keineswegs daran hinderte, mir ebenfalls einen Besuch abzutrotzen. Mehrere Jahre habe ich mich erfolgreich vor einem Besuch gedrückt, nach dem Bericht vom vergangenen Sommer fiel mein Interesse daran noch weiter – jetzt fiel mir keine Ausrede mehr ein und ich habe es also hinter mich gebracht.

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Zoologische Gärten sind in den meisten Fällen wissenschaftlich begleitete Parkanlagen, oft mit einer recht interessanten zoohistorischen und auch architektonischen Geschichte. Der älteste Zoo Sibiriens wurde 1933 in Nowosibirsk begründet und beherbergt heute auf einer Fläche von 60 ha über 10.000 Tiere von über 700 Arten. Der Park ist so populär, dass er bei einer Internet-Abstimmung über die 10 interessantesten touristischen Attraktionen Russlands für den sibirischen Raum derzeit den 3. Platz belegt (nach dem Baikal-See und einem Denkmal für Hausschuhe in Tomsk).

Nun, der Irkutsker Zoo ist ein bisschen kleiner und entspricht nicht ganz den Anforderungen eines Parks, weshalb er offiziell nur “Zoogalerie” genannt wird. Diese Galerie befindet sich neben dem Puppentheater am Eingang zum ehemaligen Erholungspark, einem derzeit etwas ungepflegten Gelände oberhalb des Stadtzentrums. Ein erster Zoo wurde 1989 eröffnet, das war eine kleine fahrende Galerie, die Irkutsker Zoologen organisiert hatten und 1995 aus finanziellen Gründen die Arbeit einstellen musste. Die Tiere verblieben im Besitz des Irkutsker Gebietsmuseum, und das Ehepaar Vadim und Ljudmila Ivushkin versuchten, einen neuen Zoo aufzubauen. Mit Hilfe einer Soros-Stiftung konnten die Tiere und ein Pavillon mit 70m² im ehemaligen Erholungspark erworben werden. Die heutige Galerie eröffnete im Juni 2005 und beherbergt derzeit auf 400m² Tiere aus 200 Arten. Die meisten Tiere sind aus anderen russischen Regionen (Vladivostok, Krasnojarsk, Krasnodar) durch Aufgabe oder Umgestaltung von Zoogärten nach Irkutsk gebracht, oft in schlechtem Zustand. Tiere gefährdeter Arten werden allerdings nicht aufgenommen, weil die Möglichkeiten für Unterbringung und Pflege nicht gegeben sind. Da der Zoo als private Einrichtung keine öffentliche Förderung erhält, finanziert er sich ausschließlich aus Eintrittsgeldern und dem Verkauf von Luftballons, Spielzeug u.ä. Die Haltung und Versorgung der Tiere ist daher auch nichts für Tierliebhaber und Tierschützer. Die Gehege sind allesamt zu klein und keineswegs artgerecht. Ein Braunbär etwa lebt auf einem ca. 5m² kleinen Areal, an seinem Gehege ist ein Hinweis angebracht, dass man ihn jederzeit füttern kann und er besonders Brötchen mag. Die kleinen Vogelkäfige sind vollkommen zugekotet und mit zu vielen Tieren belegt; die meisten Wasserbecken für Schildkröten, drei Varane oder ein Krokodil sind ziemlich dreckig; die Tiere haben in den Käfigen keine Möglichkeit des Rückzugs und sind stets den Betrachtern und den an die Scheiben klopfenden Kinder- und Erwachsenenhänden ausgesetzt – wie Bilder in einer Galerie. Der Eintritt kostet 250,- Rubel (6,20 €), fotografieren, auch mit Blitzlicht, ist für weitere 50,- Rubel (1,20 €) gestattet.

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Es ist sicherlich ein Verdienst des Paares Ivushkin, sich der verlassenen, kranken Tiere aus Irkutsk oder anderen Regionen anzunehmen und diese pflegend zu versorgen. Leider ist der Zustand ihrer Einrichtung, die von Kindern und manchen Erwachsenen als Attraktion verstanden wird, ziemlich bedauerlich und ein Fall für den WWF. Denn mehrere Bären und Wölfe, einen Löwen, einen Leoparden, einen Luchs, ein mongolisches Yak, ein Emu, mehrere Geier, Falken, Kraniche, Affen usw auf 400m² unterzubringen, ist eine ziemliche Qual. Immerhin wurde vergangenen Juni verkündet, dass der Bürgermeister eine Kommission zur Entwicklung des Zooparks einberufen hat und nach einem geeigneten Gelände von mindestens 12-15 ha, erweiterbar auf 30 ha, sucht. Was aus diesen Plänen inzwischen geworden ist, ist allerdings – wie gewöhnlich – unbekannt.

Thema: Irkutsk, Wildbahn | Kommentare (0)

Über den Humor von Stadtplanern

Dienstag, 9. April 2013 0:51 | Autor:

Die nachfolgend vorgestellte Straße befindet sich mitten im Stadtzentrum von Irkutsk, unweit des Zentralmarktes, der Oper und der Kreuzerhöhungskirche. Und vor allem in historisch wahrem, asphaltfreiem Zustand. Trekking-Begeisterten und Freunden individueller Stadterkundungen abseits der Mainstream-Sehenswürdigkeiten soll dieses Kleinod wärmstens ans Herz gelegt sein. Denn gerade zur Zeit des sibirischen Tauwetters, aber auch im feuchten Herbst, entwickelt dieser Ort erst seinen eigentlichen, besonderen Charme.

Man beginne die Tour am Fuße der Straße bei den offenen Müllcontainern, um die herum Wind, Hunde und unkontrollierte Wurfleistungen allerlei Reste auf die Straße verteilt haben (Bild 1). Dann arbeite man sich durch die Schlucht die leichte Anhöhe hinauf, weniger experimentierfreudige Wanderer können auf die gebrechliche Holztreppe links daneben zurückgreifen (Bilder 2, 3). Ist man oben auf dem Plateau angekommen, sieht man sich unweigerlich der Herausforderung ausgesetzt, sich einen Weg durch die Fahrspuren zu bahnen – es ist dies eine authentische und ungekünstelte Begegnung mit der sibirischen Stadt von vor ca. 150 Jahren (Bilder 4, 5). Der Weg endet am Aufeinandertreffen der nun absolvierten Straße mit einer halbasphaltierten Querung – genau da, wo erneut Müllcontainer platziert wurden (Bild 6). Man sollte an dieser Stelle innehalten: der Anblick der Fußbekleidung wird unvergesslich bleiben.

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Der Name dieser Straße darf bei all dem nicht vergessen werden: ulica Grjasnowa, die Grjasnow-Straße. Grjasnow ist der Familienname einer in der Straßenbeschilderung nicht näher bezeichneten russischen Persönlichkeit; der Nachname wiederum leitet sich vom durchaus treffenden Adjektiv “schmutzig” ab. Manche Stadtplaner verwirklichen auf diese Weise offenkundig ihre Anfälle von Humor.

(Fotos: Jenny.)

Thema: Irkutsk, Ulica | Kommentare (0)

Der Frühling

Montag, 18. März 2013 14:26 | Autor:

Für Miroslav Krleža

Seit Tagen bewege ich mich nur noch gebückt, beinah kriechend durch diese Welt, die, wie ich mir so sehnlichst wünsche, nach Erblühendem duften sollte, aber meist nur nach Erbrochenem riecht, und nach den ganzen anderen Abfällen und Resten, Hinterlassenschaften und Exkrementen der langsam, sehr langsam sich verziehenden sibirischen Jahreszeit. Denn was da nun alles wieder zum Vorschein kommt, was da in den Schneebergen und Eismassen der letzten fünf Monate so insgesamt hinein sediert ist und nun dem Tageslicht entgegen taut, dabei wie längst vergessene Fossilien zu Tage tritt, das kann gar nicht anders als stinken, gewaltig und erbarmungslos, den ergrauten Himmeln dieser Stadt entgegen. Und so spült sich im ringsum Tauenden, Tropfenden, Nässenden, Wässernden und Erweichenden die gesamte Kloake des vergangenen Halbjahres nach oben, an die trockene, jeden Geruch aufgreifende Luft, um sogleich in Fäulnis und Verderb zu schwelgen, und was dereinst ein Apfel war oder eine Aubergine, wer auch immer diese und warum hingeworfen hat, erscheint nun, als bräunliches, entformtes Sediment, verfault, vergammelt und unzureichend konserviert, garniert und angerichtet mit zerfaserten Zigarettenstummeln, zerbrochenen Flaschen, zu Brei geschmolzenem Herbstlaub, kaum zersetztem Hundekot oder gleich erfrorenen, vereisten und nun zum Vorschein kommenden Hunden und Katzen, schmutzigen, nassfelligen, zerzausten Geschöpfen der Straße, von denen in jedem Frühjahr unzählige nachwachsen, denn die Überlebenden haben sich zusammengerottet auf Spielplätzen und von unten wärmenden Gullideckeln, die Gestorbenen, nun freigelegten Tiere aber sind die Kadaver eines sibirisch herzlosen, entseelenden Frostes, ihres Grabes beraubt, neben den Gehwegen im Schlamm steckend, Gesicht bzw Schnauze dem grauen Schneeberg noch zugewandt, der Körper noch halb eingefroren, ein kaltes, nässendes, schwarzes Auge aber ist schon zum Vorschein gekommen und starrt kalt und wild zugleich in diese Welt voll nassen Drecks, unbetrauert und umgeben von Mülltüten, Bierdosen und zu braunem Schlamm aufgeweichten Papphülsen von Silvesterböllern.

Im Frühjahr kehren sie zurück, die untoten Seelen, Zombieland, ein Horror für das Empfinden zarter Frühlingssuchender, von Valentinstag bis Ostern mit blühender Hoffnung bewaffnet, doch nimmt man eigentlich hiervon gewohnheitsmäßig keine Notiz, trabt stur und regungslos wie eh und je durch die graubraun überquellenden Straßen und Wege, die sich schon bald erneut vereist haben, mit Schnee dünn überfärbt haben werden, unter reißendem Heulen und mit beißenden Wind, denn die Frühlinge hier dauern ewig und lassen sich durch nichts beschleunigen und können so viele neue Eisstürme über den schmutzigen Landstrich hinweg ziehen lassen, wie Bittgesuche und Gebete in den Kirchen für eine baldige Genesung der Angehörigen von der Virusinfektion auf die Gesichter der Ikonen geseufzt oder dürr glimmende, mild wärmende Kerzen zur Abwendung von Unheil in den Andachtsräumen aufgestellt werden, denn zu einfach soll es den Menschen nicht gemacht sein, alles muss errungen und ertrotzt werden, alles muss klaglos und ohne Zorn ertragen sein, bis die letzte Sehnsucht verdunstet ist. Dann vielleicht wird der eine oder andere Ast freigegeben und darf knospen, weit nach dem Frühlingsfest, nicht vor Ende der Fastenzeit, womöglich noch nicht einmal vor Pfingsten.

Diese Tage haben auch mich taub gemacht, stumm und mürrisch, denn wen würde es nicht schockieren, verstören, enttäuschen, müsste er wie ich sich in dieser überflutenden Welt voll Abfall und Morast bewegen, in Erwartung von so etwas wie Krokussen oder Narzissen. Der Schlamm setzt sich überall fest, auf allen Wegen, in allen Kleidern, in den Handschuhen und Schals, auf den Wangen, in den Augen und Haaren, im Gemüt. Von den Sohlen spritzt er die Hacken hinauf, krallt sich wie giftiger Samen an allen erreichbaren Wirten fest, pflanzt sich fort, trägt sich in die Autos, Marschrutkas, Busse und Straßenbahnen, in die Treppenhäuser und Wohnungen, in alle Räume, auf die Sofas und Betten, frisst sich in die Blicke, in die Worte, in die Sätze, verschlammt die Gedanken. Ich, wie alle anderen auch, lebe im Schlamm, im schwarzen Schleim, im Dreck und Morast, ich schlafe in ihm, ich atme ihn ein und esse ihn, ohne dass ich das verhindern könnte. Jede Berühung ist eine potentielle Verseuchung, eine Ansteckung, eine toxische Gefährdung, jeder Versuch einer Waschung, eines Bades oder einer Reinigung ist eine Verblendung, denn selbstverständlich ist auch das Wasser in den Leitungen befallen und verseucht und ungeeignet, den Morast abzuspülen. Und jede Speise und jeder Teller und jede Gabel und jedes Glas ist ebenso befallen. Ich habe keine andere Wahl, also ergebe ich mich dieser Flut, versuche mich nicht gegen sie zu wehren, denn es ist vergebens, es ist Sibirien und es ist ein wenig hold blickender Frühling unter der kalten Sonne, hier belebt sich nichts, hier wird Totes sichtbar, und dieses schwemmt sich durch die Stadt, bis es von der trockenen Luft aufgesogen und an anderer Stelle wieder ausgespien wird, und ich krieche entlang, ausgezehrt, hungrig, gereizt, trocken hustend, den Blick stur auf die schmutzig vereisten, aufgetauten, erneut vereisten Wege gerichtet, um nichts anderes sehen zu müssen, denn ringsum ist alles des selben Anblicks, Geruchs und Geschmacks. Einige weitere Tage und Wochen lang.

der-fruehling-2013

Thema: Das Wetter, Irkutsk, Ulica | Kommentare (1)