Im Äschenreich

“It took a day to built a city
we walk through its streets in the afternoon.”
Sting Fortress around your Heart

Plattenbau muss nicht hässlich sein, kann aber.

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Die Stadt Nerjungri, eine von Russlands jüngsten Siedlungen und gerade einmal ein halbes Jahr älter als ich selbst, ist architektonisch keine Perle des Ostens. Gegründet Mitte der 70er Jahre, um die im Permafrostboden schlafenden Kohlevorkommen ins sowjetische Leben zu befördern, entstand in kürzester Zeit mitten in der Taiga aus einer Zeltsiedlung eine Ansammlung von Holzhütten, die wenige Jahre später mit Plattenbauten zu einer Stadt aufgeforstet wurde. Diese wurde am nordöstlichsten Siedlungsgebiet von Ewenken errichtet, weshalb sie wie der nahegelegene Fluss einen ewenkischen Namen trägt: Die Äschenreiche. Äschen (Fische), ewenkischer Einfluss und Schneekristalle – so sieht das Stadtwappen von Nerjungri aus.

Als Spätprodukt der sowjetischen Industrialisierung und zeitgleich mit dem Bau der BAM steht die Stadt für einen weiteren Triumph sowjetischen Fortschrittsdenkens, jede noch so gestrenge Natur und Umgebung technisch zu erobern und beherrschbar zu machen. Ästhetische Erwägungen spielen hierfür – naturgemäß – keine Rolle. Statt dessen  dominieren Plattenbauten mit verschiedenfarbigen Anstrichen das Leben der Stadt, errichtet für die Arbeiter im Kohleabbau, in der Kohleverarbeitung und im Kohlekraftwerk. Gebürtige Nerjungriner muss das nicht davon abhalten, ihre Stadt als schön zu beschreiben.

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Zur Zeit der Errichtung der Stadt und dem etwas entfernt gelegenen, mit für Schwertransport geeigneten Ausmaßen gesegneten Flughafen zogen Arbeiter aus der gesamten Sowjetunion, vom Schwarzen Meer ebenso wie aus Moskau und Vladivostok, nach Südjakutien und ließen sich, Außentemperaturen von bis zu -50°C zum Trotz, häuslich nieder. Manchmal wird dies auch stolz mit der Besiedlung des amerikanischen Westens verglichen.

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Auch wenn die Stadt nicht unbedingt vor Ausländern überquillt, kann man im Hotel Timpton, benannt nach einer nahegelegenen kleinen Gebirgskette, durchaus die real existierende globalisierte Welt erleben: Per Satelitenfernsehen lassen sich auf den Zimmern 4 Sender aus Turkmenistan empfangen (neben einem ukrainischen Sender die einzigen nicht-russischen Programme), von denen 3 ziemlich genau das gleiche zeigen, aber mit anderer Hintergrundmusik. Auf einem dieser Kanäle war nun, mitten im endlosen sibirischen Wald, als turkmenische Übersetzung eines Beitrags der Deutschen Welle, ein Kurzportrait meiner Geburtstadt Erfurt zu sehen. Ein unerwarteter Anblick, der mich seither rätseln lässt, wieviele Turkmenen sich, wie ich, eigentlich nach Nerjungri verlaufen und wieviele von ihnen sich, wie ich, demnächst in Erfurt aufhalten werden.

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“Die chinesiche Mauer” – Nerjungris längstes Gebäude (ca. 300m)

(wird fortgesetzt)

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Datum: Mittwoch, 16. Dezember 2009 2:38
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