Eine Geschmacksfrage

Zur Ausgestaltung des Kinderzimmers haben wir ein paar Regale gekauft. Wie fast alle Einrichtungshäuser in Irkutsk bietet auch die “Welt der Möbel” mehrheitlich einheimisch produzierte Ware zum selbst Zusammenbauen für Kunden mit Geld und Jevro-Geschmack, was bedeutet: Es sollte europäisch wirken, stilvoll sein und dabei teuer aussehen. Wir suchten eher schlichtes Mobiliar und fanden zwischen den bunten Modell-Kinderzimmern zwei Regale mit farbigen Schalen anstelle von Schubfächern. Beim Aufbau zu Hause stellten wir fest, dass wir Ikea-Mobiliar gekauft hatten. In einer Stadt, von der die nächstgelegene Filiale 1600km entfernt liegt, ist das möglicherweise ein Glücksfall. Bislang war uns nur ein Händler bekannt, der einige wenige Möbelstücke von dort importiert und zu überhöhten Preisen anbietet.

Dass sich unser Geschmack, inmitten eines russischen Möbelgeschäftes, inmitten für russische Kunden konzipierten Möbeln, dann doch sehr zielstrebig und ohne echten Widerstand für Ikea-Möbel entschied, erstaunte mich. Ist es nun so, dass unser ästhetisches Empfinden in Deutschland am allgegenwärtigen Ikea-Design geschult wurde, so dass uns selbst in fremder Luft wenig anderes mehr akzeptabel erscheint? Wären wir überhaupt in der Lage gewesen, eine andere Geschmacksentscheidung zu treffen? Ist ein anderes Empfinden jetzt noch lernbar? Möglicherweise irritierte mich auch weniger die Tatsache, dass Emotionen erlernte Handlungen sind, als vielmehr, dass auch wir – sogar unbewusst – in der Fremde die uns bekannte Wohnwelt nachahmen, konservieren. Dass unsere Risikobereitschaft zur Aufnahme nicht-eigener Emotionalität nicht allzu hoch zu sein scheint.

Ist das aber wirklich problematisch?

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Datum: Freitag, 27. August 2010 21:34
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4 Kommentare

  1. 1

    Mir fällt da zwangsläufig das Sprichwort “was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht” ein. Was nicht angelernt ist – wie in diesem Fall ästehetisches Empfinden, Geschmack – ist eben schwer akzeptabel… Wahrscheinlich ist alles im Leben gewöhnungsbedürftig, das Problem ist nur der Zeitpunkt der “Gewöhnung”, der “Vertrautmachung” und der scheint ja im Erwachsenenalter, meistens zumindest, schon vorbei… Das bezieht sich auf viele Bereiche… Essen, das man nicht mag, weil man es als Kind nie probiert hat; Bücher, die einem nichts sagen, weil man sie zu spät gelesen hat; Musik, die einem nicht gefällt, weil man woanders aufgewachsen ist, wo es solches “Gedudel” nicht gab… :)
    Um doch auf die rhetorische Frage zu antworten: Ist das problematisch? Nein, solange es nicht die Gefühle anderer verletzt…

  2. 2

    Tja, da kann man rumreisen und woanders leben, soviel man will, seine konservativen reflexe wird man einfach nicht los….. grundsätzlich dienen sie ja auch zur orientierung und stabilisierung der lebensweise. es kommt aber wohl darauf an, wann man welche reflexe man an sich mag und welche nicht.

  3. 3

    Ikea investiert wahrscheinlich einfach genug Geld in Produktentwicklung! Was will der junge Kunde? Was bietet die Konkurrenz? Auch in Deutschland bin ich vor dem Möbelkauf gezielt in andere Möbelgeschäfte gegangen und habe einfach nur Mist gesehen. Erst bei Ikea gabs Zeug, das mir gefallen hat. Ich weiß nicht, ob unser ästhetisches Empfinden sich an Ikea orientiert? Oder eher doch die Ikea-Produktentwicklung am Geschmack des Kunden, an moderne farbenfrohe und kindgerechte Handhabung, etc.? Würden andere Möbelgeschäfte interessante Alternativen anbieten, ich kaufte auch dort ein!

  4. 4

    wieviel ikea in produktentwicklung investiert, lasse ich mal dahingestellt. interessanter scheint mir einfach die frage, warum wir ikea überhaupt als schön empfinden. warum uns andere design-stile weniger attraktiv erscheinen. welche entwicklung unser ästhetisches empfinden durchgemacht hat. schließlich war es ja nicht immer so und ist es nicht überall so. immerhin kennt das russische empfinden, im gegensatz zu unserem, keine konzeption von kitsch. und unser empfinden achtet z.b. sehr auf funktionalität.

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