Beitrags-Archiv für die Kategory 'Fernost'

Alpen – Baikal

Samstag, 11. Dezember 2010 12:22

Die Gespräche dazu liefen seit einigen Jahren, nun endlich ist die erste offizielle Ankündigung raus: Ab Frühjahr 2011 wird es eine direkte Flugverbindung von München nach Irkutsk geben (bisher war immer nur von Planungen die Rede).  Aufmerksame Russlandkenner wissen, dass so eine Ankündigung nicht unbedingt viel bedeuten muss, aber bleiben wir optimistisch. Für die russische Seite ist die Frage der Beantragung von Schengen-Visa klarerweise von entscheidendem Interesse. Eine deutsche Auslandsvertretung gibt es in Irkutsk nicht. Zwar befindet sich ein polnisches Generalkonsulat in der Stadt, aber auch mit einem polnischen Schengen-Visum kann man nicht direkt über Deutschland in die EU einreisen. Seit Sommer laufen daher die Gespräche zwischen dem deutschen Generalkonsulat im 1600km entfernten Nowosibirsk und dem polnischen GK Irkutsk über die Erteilung deutscher Visa, beide Seiten sind sich einig, dass das Sinn macht und sie zusammenarbeiten wollen. Die deutsche Seite geht von deutlich mehr als tausend Visa aus, die beantragt würden und zu erteilen wären. Die letztendliche Entscheidung über die Visavergabe in Irkutsk haben jedoch das polnische und deutsche Außenministerium in Warschau und Berlin. Wann von dort das OK kommt, war bei meinem letzten Aufenthalt in Nowosibirsk vor einer Woche nicht zu erfahren.
Da sich in Deutschland ausreichend russische Konsulate befinden, etwa auch in München, ist für interessierte deutsche Reisende der Weg an den Baikal relativ offen, abgesehen vom inzwischen dank fehlender Bemühungen des deutschen Außenministers verschärften Antragsprocedere. Ich hoffe inständig, dass die deutsch-polnischen Gespräche besser laufen.

Nun also die Ankündigung für “Frühjahr”. Offen ist, wie häufig die Verbindung angeboten werden soll, mit welcher Fluglinie betrieben wird und was das etwa kosten wird. Die Flugzeit würde vermutlich 7,5h betragen. Bisherige Routen führen sämtlich über Moskau, Reisezeit nach Berlin: 15h, Kosten hin und zurück: rund 600,-. Nur für alle, die fragen, wofür man so einen Flug z.B. braucht: Der Baikal ist Russlands drittgrößtes Tourismusgebiet nach Moskau und St. Petersburg; mit Abstand größte Touristengruppe: Deutsche. Eine Aufwertung Sibiriens als Wirtschaftsregion inclusive. Auch aus russischer Sicht ist eine Direktverbindung aus Ostsibirien nach Westeuropa wichtig, um die wenigen vorhandenen Partnerschaften auszubauen und neue zu schließen. Direktflüge ins Ausland sind von Irkutsk aus bisher nur nach Asien möglich.

Wer jetzt Lust verspürt, ab Frühjahr mal vorbeizufliegen, darf sich ruhig bei mir melden.

Der heilige Felsen auf der Insel Olchon

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Die Sterne unseres Glücks

Montag, 21. Dezember 2009 0:31

Ihre deutsche Kollegin lud sie auf einen Kaffee ein. Warum denn in der Stadt treffen, fragte sie zurück, sie könne doch auch zu ihr ins Wohnheim kommen. Ein Café, fand sie, sei ein unpersönlicher und teurer Ort. Das wollte die deutsche Kollegin aber nicht. Aus Höflichkeit gegenüber einigten sie sich auf ein unscheinbares Lokal in der Nähe des Stadions, es spielte sehr laute Musik, der Kaffee wurde in Plastikbechern gereicht. Das wäre in Deutschland verbreitet? Sie könne wirklich nicht verstehen, warum sich Leute nicht zu Hause träfen.

Dennoch kamen sie ins Gespräch. Sie, eine 38jährige Doktorandin aus Blagoweschtschensk, wo der Amur die Grenze zu China bildet, mehr als 2000 TransSib-Kilometer von Irkutsk entfernt gelegen, unterrichte hier an der Linguistischen Universität 20 SWS, dafür erhielt sie 8000 Rubel im Monat, weniger als 200 Euro, aber mehr als in Blago. Als Zusatzverdienst arbeite sie noch an einem kommerziellen Institut der Universität, das sich mit Übersetzungen beschäftigt. Dort würden beinah alle Sprachlehrer der Universität aus dem gleichen Grund zusätzlichen Unterricht anbieten. Das Wohnheimzimmer, das sie sich mit drei anderen Doktorandinnen teile, koste 200 Rubel. Ihren Wintermantel, der neben ihr lag, könne sie in 8 Monatsraten abbezahlen.

- Bei soviel Arbeitszeit, um leben zu können: Wann schreiben Sie Ihre Doktorarbeit?

- Wenn alle anderen im Zimmer schlafen, hab ich ein paar Stunden.

- Und wann schlafen Sie?

- Danach.

- Was ist das Thema der Arbeit?

- Ich untersuche deutsche Zeitungen, die Darstellungen von Siegern und Verlierern im Sport.

- Reicht Ihnen Ihre Zeit dafür?

- Um 23 Uhr wird das Wohnheim zugeschlossen, danach kommt man gar nicht mehr hinein oder heraus. Die Versuchung für zu viel freie Zeit ist nicht sehr groß, und das brauche ich auch nicht. Schließlich bin ich zum Arbeiten gekommen, mit dem Doktortitel verdient man mehr.

- Halten Sie es zu viert in einem Zimmer, in dem alle wissenschaftlich arbeiten wollen, auf Dauer aus?

- Man arrangiert sich, für eine Wohnung oder ein Einzelzimmer hat keine von uns ausreichend Mittel.

- Warum haben sie die deutsche Sprache gewählt, das liegt im Fernen Osten nicht unbedingt auf der Hand?

- Weil ich diese Sprache liebe und in diesem Bereich arbeiten möchte.

- Eine Fernbeziehung?

- Ja, vielleicht. Aber eine sehr innige.

- Sind die Umstände für die Entwicklung dieser Liebe nicht etwas hinderlich? Oder ist das eine Frage des Sportsgeistes?

- Wie man bei uns sagt: In uns selbst liegen die Sterne unsere Glücks.

Inzwischen ist sie wieder zurück in Blagoweschtschensk, nach drei Jahren, weil in Irkutsk an der Universität ihre Stelle nicht verlängert wurde. Zu wenig Studenten mit Interesse für deutsche Sprache, hieß es im Institut. Die Doktorarbeit hat sie nicht beenden können.

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Im Äschenreich

Mittwoch, 16. Dezember 2009 2:38

“It took a day to built a city
we walk through its streets in the afternoon.”
Sting Fortress around your Heart

Plattenbau muss nicht hässlich sein, kann aber.

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Die Stadt Nerjungri, eine von Russlands jüngsten Siedlungen und gerade einmal ein halbes Jahr älter als ich selbst, ist architektonisch keine Perle des Ostens. Gegründet Mitte der 70er Jahre, um die im Permafrostboden schlafenden Kohlevorkommen ins sowjetische Leben zu befördern, entstand in kürzester Zeit mitten in der Taiga aus einer Zeltsiedlung eine Ansammlung von Holzhütten, die wenige Jahre später mit Plattenbauten zu einer Stadt aufgeforstet wurde. Diese wurde am nordöstlichsten Siedlungsgebiet von Ewenken errichtet, weshalb sie wie der nahegelegene Fluss einen ewenkischen Namen trägt: Die Äschenreiche. Äschen (Fische), ewenkischer Einfluss und Schneekristalle – so sieht das Stadtwappen von Nerjungri aus.

Als Spätprodukt der sowjetischen Industrialisierung und zeitgleich mit dem Bau der BAM steht die Stadt für einen weiteren Triumph sowjetischen Fortschrittsdenkens, jede noch so gestrenge Natur und Umgebung technisch zu erobern und beherrschbar zu machen. Ästhetische Erwägungen spielen hierfür – naturgemäß – keine Rolle. Statt dessen  dominieren Plattenbauten mit verschiedenfarbigen Anstrichen das Leben der Stadt, errichtet für die Arbeiter im Kohleabbau, in der Kohleverarbeitung und im Kohlekraftwerk. Gebürtige Nerjungriner muss das nicht davon abhalten, ihre Stadt als schön zu beschreiben.

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Zur Zeit der Errichtung der Stadt und dem etwas entfernt gelegenen, mit für Schwertransport geeigneten Ausmaßen gesegneten Flughafen zogen Arbeiter aus der gesamten Sowjetunion, vom Schwarzen Meer ebenso wie aus Moskau und Vladivostok, nach Südjakutien und ließen sich, Außentemperaturen von bis zu -50°C zum Trotz, häuslich nieder. Manchmal wird dies auch stolz mit der Besiedlung des amerikanischen Westens verglichen.

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Auch wenn die Stadt nicht unbedingt vor Ausländern überquillt, kann man im Hotel Timpton, benannt nach einer nahegelegenen kleinen Gebirgskette, durchaus die real existierende globalisierte Welt erleben: Per Satelitenfernsehen lassen sich auf den Zimmern 4 Sender aus Turkmenistan empfangen (neben einem ukrainischen Sender die einzigen nicht-russischen Programme), von denen 3 ziemlich genau das gleiche zeigen, aber mit anderer Hintergrundmusik. Auf einem dieser Kanäle war nun, mitten im endlosen sibirischen Wald, als turkmenische Übersetzung eines Beitrags der Deutschen Welle, ein Kurzportrait meiner Geburtstadt Erfurt zu sehen. Ein unerwarteter Anblick, der mich seither rätseln lässt, wieviele Turkmenen sich, wie ich, eigentlich nach Nerjungri verlaufen und wieviele von ihnen sich, wie ich, demnächst in Erfurt aufhalten werden.

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“Die chinesiche Mauer” – Nerjungris längstes Gebäude (ca. 300m)

(wird fortgesetzt)

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3336 Kilometer Zugfahrt

Dienstag, 21. April 2009 15:04

Von Chabarowsk nach Irkutsk, 14. April, 10.45 Uhr – 16. April, 17.30 Uhr, 2009. Zweieinhalb Tage im Zug, drei Zeitzonen auf dem russischen Globus. Ich habe aus 342 Fotos 62 Bilder ausgewählt, von denen ich noch einmal die Hälfte aussortiere. Wieviel Foto verträgt dieser Eintrag? Es bleiben übrig: die Landschaft da draußen, drei Blicke durchs Glas.

I
Chabarowsk – das Jüdische autonome Gebiet um Birobidjan – Skovorodino

Der Zug taucht sofort nach Verlassen der Hauptstadt des Fernen Ostens unter der Sonne hindurch, es beginnt zu schneien. Bis zum Ende des Tages. Bis wir uns sinnlos teuer im Zugrestaurant Essen bestellen. Bis wir einschlafen und sich der Waggon vollständig geleert hat. Bis zum nächsten Morgen.

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II
Mogocha – Region Chita

Eigentlich beschäftige ich mich nicht mit Fotografie. Plötzlich habe ich 3 Apparate zur Verfügung (zwei haben wir sowieso, einen habe ich noch in Vladivostok gekauft). Plötzlich erscheint jeder Blick aus dem Fenster erhaltenswert, museal wertvoll. Unendliche Landschaft, gelb und grau, kalt und leer. Der Norden Asiens ist das absolute Gegenbild zum warmen, vielbevölkerten Süden. Hier muss man stundenlang in die Grasweiten schauen – nirgendwo eine Siedlung. Hin und wieder ein einsamer Streckenposten. Eine Meditation. Der langsame Wandel der Landschaft. Fotos, vom Fensterschmutz getrübt. Manchmal brennt die Weite da draußen.

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III
Ulan-Ude – Baikal – Irkutsk

Und dann, nach mongolischer Steppe, der Selenga, dann ist er da: der See. Gefroren, blendend, ungeheuer. Die Fahrt um das Südende dauert 3 Stunden. Die Zugbegleiterin lächelt über meine Ungeduld. Sie putzt den Waggon. Täglich, um die Mittagszeit. Ihre Kollegin schläft, sie ist nachts zuständig. Ein junger Holländer glaubt, nicht nur zum putzen. Ich schaue aus dem Fenster. Nach dem See beginnt die Unruhe: Das Zuhause nähert sich. 55 Stunden sind keine Zeit.

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Komsomolsk-na-Amure: Anton

Samstag, 18. April 2009 17:21

An diesem Abend wird er Vater, zum zweiten Mal. Das Kind dieses Abends wird er erst in ein paar Tagen zu Gesicht bekommen. Er fährt mit dem Auto durch die dunkler werdende Stadt, besucht Freunde, trinkt nicht. Es sei in Ordnung, das Kind nicht sofort sehen zu können, sagt er. Es ist ja ein Mädchen und es ist in den guten Händen seiner Frau, ihrer Mutter, der Oma und der Tante. Er hat schon einen Sohn, sein erstgeborenes Kind, das war ihm viel wichtiger, das hat er damals sofort sehen wollen. Jetzt fährt er halt ein bisschen durch die Stadt.

Er kommt nicht aus Komsomolsk, die Arbeit hat ihn hierher verschlagen, die Frau natürlich auch. Vor sieben Jahren. Das sei schon in Ordnung, er kann ganz gut leben von seinem Verdienst. Offiziell aber arbeitet im Grunde niemand mehr hier. Komsomolsk am Amur, eine ursowjetische Gründung der 30er Jahre, großzügig ans Ufer des breiten Flusses gebaut, ist Wohnort für 350.000 Einwohner, damals wie heute, Stalin- und Chrushchow-Platten und enorm breite, lange Straßen prägen das Bild, großzügig mit Bäumen bepflanzt, die im April noch immer kahl und leblos aussehen. Schmutziger Schnee und riesige Pfützen auf den Wegen. Straßenbahnen drehen wackelige Runden. Wenig Geschäfte, ein rauchender Schornstein am Horizont. Eine arbeitende Stadt sieht anders aus. Es gibt 3 Großbetriebe hier, ein Flugzeugwerk, das kleine Passagiermaschinen, Hubschrauber und Militärmaschinen herstellt, ein Schiffswerk für Atom-U-Boote und ein großes Stahlwerk, Amur-Stahl. Sowjetische Betriebe, wegen denen die Stadt jahrzehntelang für Ausländer gesperrt war, Spionage-Abwehr. Auch heute noch interessieren sich die Behörden stärker als anderswo für nichtrussische Besucher. Obwohl in den Betrieben deutlich weniger produziert wird als früher. Anton kennt keinen, der dort arbeitet. Man bekomme ja sowieso alles, was dort hergestellt wird, 10x billiger in China, dort kaufe im Grunde jeder ein. Qualität ist eh die selbe. Er arbeitet seit langem in einer Autowerkstatt, kleines Grundgehalt, der Chef gibt Prozente. Mit einem Freund hat er vor Jahren etwas Geld zusammengelegt, ist nach China, hat ein Auto gekauft und hier wieder verkauft. Das haben sie ein paar Mal gemacht, Import-Export, nach 4 Jahren konnte er sich eine eigene Wohnung kaufen. Vom Lohn im Stahlwerk wäre das unmöglich gewesen. Sein eigenes Auto, japanisches Modell, bekäme er nirgends so günstig. Jetzt sind die Gesetze geändert worden, die Einfuhrzölle enorm erhöht, um die heimische Produktion anzukurbeln. Der gesamte russische Ferne Osten hat vom Handel mit China, Korea und Japan gelebt. Das gleiche Auto in Russland hergestellt sei 10x teurer und deutlich schlechter in der Qualität, so einen Motor könne niemand in Russland herstellen, den kaufe eh keiner. Wegen der Zollerhöhungen gab es massiv Proteste, vergeblich, jetzt legt sich niemand mehr neue Autos zu und bringt sie in die Werkstatt. Sein Chef hat ihn entlassen müssen, er sucht Arbeit, wie viele hier. Freunde ziehen weg. Er hat eine Eigentumswohnung. Er finde ganz sicher wieder Arbeit, keine Frage, nur nicht den Optimismus verlieren. Alles wird gut. Diese Krise sei die schlimmste, die Russland je erlebt habe. Mit Russland meint er sich, seine Generation, die Jugend. Die Älteren haben sich spätestens seit den 80er Jahren an ein Leben in Krisenzeiten gewöhnen können, die Jüngeren kennen vor allem den rasanten (privat-)wirtschaftlichen Aufschwung nach Jelzin. Der ist nun vorbei, abrupt, ohne Vorwarnung.

China, im übrigen, sei toll. Schmutziger als hier, aber toll. Billig. Ich müsse da unbedingt hinfahren, empfiehlt er mit Begeisterung. Dort kann man wochenlang in Hotels wohnen, die man in Russland nur von außen sieht. Er zeigt mir einen knittrigen Katalog aus dem Handschuhfach, sein Stammhotel. Pool, Sauna, Bar, opulente Räume, alles inclusive für 39 Yuan pro Nacht und Nase. Das sind gerade einmal 200 Rubel, 5 Euro. In Russland wäre das unbezahlbar. Alle fahren nach China, wenn es hier zu kalt wird. Oder zu teuer. Oder zu einsam.

Es ist Nacht geworden, er setzt mich ab, fährt weiter, vielleicht nach hause, vielleicht zu Freunden. Das Auto wackelt, wenn es durch Pfützen und Löcher fährt. Die Straßenbeleuchtung ist ausgeschaltet.

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Thema: Fernost, Grenzenlos, Ulica | Kommentare (0) | Autor: