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Ingenieure der Zukunft

Montag, 23. Januar 2012 22:03

Die Studenten sind im letzten Ausbildungsjahr, im kommenden Semester sollen sie ihre Diplomarbeit schreiben. Mechatroniker sollen es im Sommer sein, die ersten diplomierten in Irkutsk, Ingenieure mit interdisziplinären Fähigkeiten zu Maschinenbau, Mechanik, Sensortechnik, Elektrotechnik, Informatik und Optik, eine Spezialisierung mit viel Potential für die Zukunft, der Studiengang ist vor vier Jahren erstmals angeboten worden. Gefragt, für welche Themen der Abschlussarbeit sie sich eventuell schon entschieden haben oder was sie interessieren würde, antworten alle, dass sie ihr Thema erst nach den Prüfungen im Januar erfahren werden und es sowieso nur im Bereich Maschinenbau oder Elektrotechnik liegen wird. Wieso sie ihre Themen nicht selbst wählen würden? Das wäre, sagt einer, vielleicht eine schöne Idee, aber diese Frage stelle sich gar nicht, der Professor gibt vor und fertig. Und ein mechatronisches Thema? Die Studenten betrachten sehr konzentriert die Maserung der Tischplatte. Wie ihnen denn ihr Studium gefallen habe? Ein verhaltenes Schulterzucken. Dann meint einer, er würde gern weiter den Deutschkurs besuchen. Auf den Gesichtern der anderen zeichnet sich Entspannung ab, Lächeln, Nicken. Hier hätten sie mehr als irgendwo anders über Mechatronik gelernt. Mehr Lächeln, mehr Nicken. Der studienbegleitende Deutschkurs sollte eigentlich ein Fachsprachenkurs sein, extra für den Studiengang gab es ein Austauschprogramm mit Hannover. Ich hatte stets den Eindruck, eher ein technisches Fachseminar anzubieten (Wie funktioniert eine Magnetschwebebahn? Wie arbeitet eine CPU?) und mich gewundert, dass mein eigenes technisches Wissen mit dem der studierenden Spezialisten mithalten kann. Vor 2,5 Jahren trafen wir uns das erste Mal, damals fragte ich sie nach ihren Erwartungen und Zukunftsideen und danach, was sie in Deutsch und von Mechatronik bereits wissen. Damals wurde ich erstmals mit dem mechatronischen Hund konfrontiert. Dieses Wesen tauchte immer dann auf, wenn der Begriff Mechatronik erklärt werden sollte. Ein Roboter in Hundeform, der laufen und seine Umgebung wahrnehmen kann, so dass er nicht vor eine Wand läuft. Anfänglich nahm ich an, dieses technologische Tier wandert zu Lernzwecken hier irgendwo durch die Seminarräume. Recht schnell war klar, dass es für die Studenten eine echte Chimäre ist, etwas das sie nur aus Büchern kennen, an das sie aber fest glauben, dass es irgendwo existiert. Die Studenten sind inzwischen lebendig geworden und reden offen über ihre Erfahrungen: Der Professor, bei dem sie eigentlich jeden Tag Mechatronik als Spezialisierung hätten, erschien im Monat ein halbes Dutzend Mal oder weniger, ansonsten hatte er irgendwas anderes zu tun, war im Garten oder hatte einfach keine Lust. Ein älterer Herr jenseits der Pensionsgrenze, der sich vom Dekanat zu den Stunden mit der Gruppe habe überreden lassen, und dann eben die Sache ein bisschen schleifen ließ. Und ob sie gegen diese Situation bei der Universität protestiert haben, immerhin zahlen sie für ihre Ausbildung nicht ganz wenig? Schon, aber was zähle denn der Protest von einem Häufchen Studenten im Dekanat gegen einen angesehenen, verdienten Professor, überall hieß es nur, man könne jetzt auch nichts tun und habe sie abgewiesen. Immerhin haben sie seit September einen neuen Professor, einen deutlich jüngeren, der auch relativ regelmäßig kommt. Von Mechatronik hat er aber keine Ahnung, dafür erzählt er liebend gern ausschweifend von seinem Leben als Soldat. Er habe nämlich zuerst an der Militärakademie Irkutsk unterrichtet und als diese vor wenigen Jahren geschlossen wurde, kam er an diese Universität. Er könne ein Haus mit nur einer Hand verschieben, war seine bislang eindrücklichste Erzählung, die geht so: Man nehme ein Holzhaus ohne Fundament und eine großen Sack Handgranaten. Unter jede Ecke des Hauses schiebe man eine Granate, entsichere sie gleichzeitig und wenn die Dinger dann explodieren, hüpft das Haus und in diesem Moment kann man es einfach mit einer Hand verschieben, das habe er im Feld gelernt, praktische Ausbildung. Danach zeige er seine Armmuskeln und am Ende der Stunde lasse er die ganze Gruppe hinter den Stühlen strammstehen, damit sie in 10 Sekunden über das in der Stunde gelernte nachdenken können. Anschließend hat sich die Gruppe für den Unterricht stets laut vernehmlich zu bedanken. So gehe bei ihnen Mechatronik, warum sollte man da seine Diplomarbeit schreiben wollen? Und was haben sie für Pläne nach dem Abschluss? Wie sich herausstellte, konnten fast alle ihre Zukunft sehr konkret benennen, einer ging zum Militär, ein anderer machte was im Bereich Bodybuilding, manche strebten ein Doktoratsstudium an, eine arbeitete bereits jetzt schon als Sekretärin bei einer Irkutsker Duma-Abgeordneten, die anderen, eher schweigsamen Mädchen der Gruppe planten eine Familie. Vor 2,5 Jahren wurden von ihnen noch Firmen mit Schwerpunkt im russisch-deutschen Technologietransfer entworfen und sie sahen eine vielfältige mechatronische Zukunft, echte Kosmonautenphantasien begeisterungsfähiger, 18jähriger Studenten. Nachher sind sie aber noch alle rechtzeitig auf den Hund gekommen und das Studium hat ihnen die Flausen aus dem Kopf getrieben. Eine pragmatisch-realistische Einschätzung ihrer Lebenslage ist es, was die Universität den Studenten beizubringen im Stande ist, die rückstandslose Austreibung der Chimären. Denn Mechatroniker mit solider deutscher Fachsprachenausbildung finden in Irkutsk sowieso keine Anstellung.

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Brief an die deutschen Wirtschaftsprüfer

Donnerstag, 31. März 2011 22:57

Heute habe ich Post bekommen. Bei meiner Arbeit bekommt man durchaus häufiger mal Post. Manchmal auch handgeschrieben oder sogar persönlich überbracht. Letztes Jahr zu Weihnachten klopfte ein Mädchen an meine Tür und gab mir verstohlen-aufgeregt eine kleine Tüte. Ich hatte das Mädchen noch nie gesehen. Sie sagte in gebrochenem Deutsch, dass sie hoffe, es möge mir gefallen, und ging. In der Tüte waren ein Paar Handschuhe, selbstgestrickt, in den Deutschlandfarben und stark parfümiert. Ich weiß bis heute nicht, wie ich ihr hätte danken können.

Die heutige Post kam schon vor einigen Tagen elektronisch. Eine betrefflose Mail mit Anhang im docx-Format, das landet notwendig erst einmal in der Postfach-Sülze. Trotzdem hab ichs rausgefischt und geöffnet. Die docx-Datei ist auf russisch “an die deutschen Wirtschaftsprüfer” genannt:

Guten Morgen, Liebe Kolleginnen und Kollegen! Mit freundlichen Grüßen Sie aus ein Student der Fakultät “Accounting und Audit” der Baikalsee staatliche Universität für Wirtschaft und Recht Alexej Stepanowitsch Chudjakow*. Einer These schreibe über die Prüfung, ich eine der Verzweigungen “Audit History in Deutschland”, übergeben die Prüfung auf Deutsch, und wir wollen nicht mit deutscher Wissenschaftler in der Buchhaltung zu sprechen kommen und Überwachung, sollten von der deutsche Professor eingeladen werden

Ich bin zwar ein wenig in Sorge wegen der “Überwachung”, dennoch fand ich diese Post aus irgendeinem Grund bemerkenswert. Die Ermittlungen, worum es sich handelt, sind angelaufen.

(*Name geändert.)

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Pädagogische Maßnahme

Montag, 22. November 2010 22:21

Ein junger Student im vierten Studienjahr, nennen wir ihn Sergej, hatte sich als au pair nach Deutschland beworben. Die endgültige Zusage ließ ein wenig auf sich warten, sicherheitshalber hat er sich aber auch schon um ein Visum bemüht. Nach der endgültigen Zusage wird er das Visum abholen und dann sofort einen Flug nach Deutschland buchen. Zusätzlich wird er von der Universität zwei Urlaubssemester erbitten.

In der Nacht zum Donnerstag vergangener Woche klingelte sein Handy, ein etwas nervöser Mensch gratulierte ihm in deutscher Sprache. Wofür, fragte Sergej, außerdem ist es 5 Uhr morgens. Der nervöse Mensch in Westeuropa entschuldigte sich, das sei ihm unangenehm, er habe die Zeitverschiebung nach Sibirien nicht bedacht, aber Sergej könne ab 01.12.2010 als au pair in einem Kinderheim in Jena anfangen.

Ein euphorischer junger Student stürmte zur Universität, ins Dekanat der Fakultät für deutsche Sprache, an der er studiert, um dort alles für ein Akademisches Jahr bzw 2 Urlaubssemester vorzubereiten. Die Dekanin erklärte, dass dazu ein Antrag notwendig sei inclusive Zeugnisskopien und ausführlicher Begründung. Freitag morgen eilte unser junger Student erneut ins Dekanat, um den fertigen Antrag abzugeben. Dort erfuhr er von der Dekanin, dass für die Beantragung eines Akademischen Jahres inzwischen neue Gesetze vorlägen. Darin sei eine Bestimmung enthalten, welche vorsieht, dass nur diejenigen Studierenden, die in sämtlichen Fächern ein “ausgezeichnet” vorweisen können, überhaupt antragsberechtigt sind. Das, wie sie aus seinen Unterlagen entnehmen könne, träfe auf ihn jedoch nicht zu.

Wie es dem jungen Mann gelungen ist, wissen wir nicht, doch am darauf folgenden Montag hatte er in seiner eigenen Angelegenheit einen Gesprächstermin mit dem Rektor der Universität vereinbart. Entsprechend nervös verließ er den laufenden Unterricht, die gesamte Studienklasse sah ihm fiebrig die Daumen drückend nach. Einige Minuten später kehrte er jedoch sehr geknickt zurück. Der Rektor habe ihm versichert, berichtete er traurig, dass ein au pair-Aufenthalt in Deutschland kein hinreichender Grund für ein Akademisches Jahr sei, selbst für einen Studenten der deutschen Sprache nicht. Er habe ihm daher den einzig möglichen Weg angeboten: sich vollständig von der Universität exmatrikulieren zu lassen und nach Rückkehr das Studium von vorne zu beginnen.

Vier Jahre Lebenszeit standen nun auf dem Spiel, verloren zu gehen. In ökonomischen Werten für die Universität ausgedrückt: 116.000 Rubel Mehreinnahmen, denn 29.000 Rubel / rund 700 kostet ein Jahr Deutschstudium an dieser Universität. Oder aber die Chance auf ein Jahr in Deutschland verstreichen zu lassen.

Die Dozentin bot dem hoffnungslosen Studenten ihre Hilfe an, so gut sie könne. Nach dem Unterricht klopfte sie am Dekanatsbüro und fragte ihre Vorgesetzte, wie es um die Sache ihres Studenten Sergej denn nun bestellt sei und was man tun könne. Die Dekanin erwiderte ihre Frage mit einem außerordentlich breiten Lächeln, nicht ohne Arroganz. Der Student Sergej habe nun einmal keine besonders guten Noten in der Fremdsprache Englisch. Ob das denn für ein au pair-Jahr in Deutschland denn eine Rolle spiele, wollte die Dozentin wissen. Eine grundsätzliche, antwortete die Dekanin. Aber die Kollegin solle sich wirklich keine Sorgen machen, schließlich wisse sie doch, wie man hier solche Fälle verhandelt. Und die Freundlichkeit der Dekanin wuchs mit jedem Wort. Selbstverständlich wird er sein Akademisches Jahr zugesprochen bekommen. Die Universität wollte sich aus guten Gründen ein Bild von ihm machen und nachforschen, warum er nicht vorbildlich lerne. Das sei als pädagogische Maßnahme zu verstehen. Schon morgen wird Sergej ein zweites Treffen beim Rektor haben.

Die Dozentin unterließ es, den jungen Studenten davon in Kenntnis zu setzen.

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Sechszeiler des Monats

Donnerstag, 14. Oktober 2010 10:29

Wenns kein Arbeit nicht gäb
Wüsst ich nicht wie ich läb.

Wenns kein Arbeit nicht hätt
Wär ich wohl ziemlich fätt.

Doch zum Glück bin ich schlank
Und vor Arbeit ganz krank.

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Das Schloss

Samstag, 28. August 2010 13:25

Und dann kamen wir eines Maientags zu meinem Unibüro. Meine Mitarbeiterin und ich waren etwas bepackt, hatten für eine größere Veranstaltung eingekauft. Sie steckt ihren Schlüssel ins Schloss, es lässt sich nicht öffnen. Ich stecke meinen Schlüssel ins Schloss, das gleiche Ergebnis. Auf dem Korridorboden vor der Tür Späne und die Pappschachtel eines Türschlosses. Offensichtlich ausgewechselt, ohne uns zu informieren. Ratlosigkeit, Nervosität.

Vor zwei Wochen war eine Dame bei mir im Büro, die mich zu überreden suchte, das Büro zu wechseln. Die Uni bräuchte meinen Platz für Verwaltungsdienste und es wäre zwei Etagen tiefer etwas frei, das könne ich haben. Ob denn meine Arbeit so wichtig wäre, dass ich an diesem Platz mein Büro bräuchte, das Büro da unten sei der zukünftigen Mitarbeiterin, die viel mit dem Rektor zu tun haben würde, nicht zuzumuten. Nach Besichtigung des leeren Büroraumes und Rücksprache mit meinen Kollegen lehnte ich ab. Die Dame zeigte wenig Begeisterung, sie würde darüber mit dem Rektor sprechen.

Und dann war das Schloss ausgewechselt. Die Mitarbeiterinnen des Auslandsamtes, die vor einigen Jahren den Raum eigenhändig renoviert und eingerichtet haben, sind aufgebracht. Es werden Telefonate geführt, nicht laut, aber resolut. Wir gehen von einer Diensstelle zur nächsten. Dass die Unileitung derart aggressiv ihre ausländischen Arbeitskräfte umquartiert, kann sich niemand wirklich vorstellen. Ein Einbruch scheint auch nicht stattgefunden zu haben, nach allem, was man durch den Türspalt sehen kann, ist nichts entwendet worden. Und tatsächlich stellt sich heraus, dass die universitäre Raumplanerin zu Unrecht verdächtig wurde.

Dem Wachdienst lag ein Auftrag vor, das beschädigte Schloss zum Raum I-315 zu wechseln. Offenbar sind die beschäftigten Handwerker der Uni des Lesens und Schreibens unkundig. Mein Büro trägt die Nummer E-315, was eigentlich an der Tür zu lesen ist. Während ich mein Lachen unterdrücke, eilt die stellvertretende Leiterin des Auslandsamtes durch die Gänge, das sei wirklich nicht komisch, sie müsse jetzt ein ernstes Wörtchen mit den Technikern dieses Hauses sprechen. Als sie zurückkommt, drückt sie mir die neuen Türschlüssel in die Hand und entschuldigt sich, ich könne mir kaum vorstellen, wer so alles in der Uni arbeite. Ihre minutenlange Rede kann ich mir nicht merken, sie spricht von Arbeitsmoral, Unfähigkeit und falscher Personalpolitik. Unsere russischen Männer, sagt sie abschließend und klopft intensiv auf das Holz meiner Bürotür. Was solle man von denen schon verlangen. Damit ist die Sache beendet und wir widmen uns der Arbeit.

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Etappen einer Erregung

Dienstag, 20. April 2010 23:50

Das russiche Verhältnis Dozent zu Student ist eine klare Sache, nur muss man sich deswegen nicht damit abfinden. Ich brauchte für einen Kollegen, der eine Vorliebe für veraltete Lehrtechnik hat, einen Overhead-Projektor. (In modernen repräsentativen Seminarräumen mancher Universitäten befinden sich inzwischen interaktive Leinwände, quasi iPads im dreifachen A0-Format.) Glücklicherweise fand sich ein sowjetischer Polylux noch in der Ecke eines vergessenen Raumes, auch die Lampen taten wie sie sollten, ich konnte ihn haben. Als ich ihn mitnehmen wollte, hielt mich ein Dozentenkollege zurück, das müsse ich nicht tun, er würde statt dessen einen Studenten beauftragen, ihn zu tragen. Ich protestierte etwas, der auserwählte Student aber tat sofort wie geheißen. Anderntags fragte mich eine Kollegin auf dem Weg zum Seminarraum, warum ich denn eine Tasche mit Laptop und eine Tasche mit Beamer tragen würde. Für so etwas habe sie immer ein paar hilfsbereite Studenten in der Nähe. Ich wollte etwas erwidern, aber noch immer hatte ich nicht genügend Empörung angesammelt. Dann aber die Warteschlange. Vor einem der universitätseigenen Imbissstände stehen Studenten, um sich eine Bulotschka oder eine Piroschka zu kaufen. Von irgendwoher rauscht eine Dozentin direkt auf die Pole-Position und ruft der Bedienung ihre Wünsche zu. Da habe ich Luft geschöpft und sie ein bisschen angebrüllt. Sehr wahrscheinlich, dass sie mein Gesicht auf Lebenszeit gespeichert hat, so erschrocken hat sie sich umgedreht, mit solch intensivem Zorn sah sie mich an. Meine Frage, ob es für sie ein Sonderrecht gäbe, alle anderen würden ebenfalls warten, bis sie dran wären, beantwortete sie jedoch nicht, sie zog ohne Ware ab. Die Bedienung sagte dann, sie habe angenommen, ich sei ebenfalls Student, aber sie sehe das genauso und so weiter. Die Studenten in der Schlange schwiegen verkniffen mit geröteten Wangen.

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minimal story 11

Mittwoch, 24. März 2010 22:44

Ein junger Student sagte neulich, über das Thema “Reisen” philosphierend, mit Nachdruck und prinzenhafter Würde, er sehe nicht, wozu das gut sein solle, er würde daher nicht reisen, insbesondere nicht ins Ausland, das interessiere ihn nicht, er habe seine Datscha im Wald am See und seine Freunde, die ebenfalls ihre Datscha im Wald am See hätten, kämen ihn jeden Sommer dort besuchen. Ein klares Weltbild, aufgeräumt, übersichtlich, erdbebensicher vor äußeren Einflüssen. Dass der junge Mann an der Universität eine Fremdsprache erlernt, gehört wohl zu den unbedeutenden Pointen der sibirischen Wildnis.

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Die Sterne unseres Glücks

Montag, 21. Dezember 2009 0:31

Ihre deutsche Kollegin lud sie auf einen Kaffee ein. Warum denn in der Stadt treffen, fragte sie zurück, sie könne doch auch zu ihr ins Wohnheim kommen. Ein Café, fand sie, sei ein unpersönlicher und teurer Ort. Das wollte die deutsche Kollegin aber nicht. Aus Höflichkeit gegenüber einigten sie sich auf ein unscheinbares Lokal in der Nähe des Stadions, es spielte sehr laute Musik, der Kaffee wurde in Plastikbechern gereicht. Das wäre in Deutschland verbreitet? Sie könne wirklich nicht verstehen, warum sich Leute nicht zu Hause träfen.

Dennoch kamen sie ins Gespräch. Sie, eine 38jährige Doktorandin aus Blagoweschtschensk, wo der Amur die Grenze zu China bildet, mehr als 2000 TransSib-Kilometer von Irkutsk entfernt gelegen, unterrichte hier an der Linguistischen Universität 20 SWS, dafür erhielt sie 8000 Rubel im Monat, weniger als 200 Euro, aber mehr als in Blago. Als Zusatzverdienst arbeite sie noch an einem kommerziellen Institut der Universität, das sich mit Übersetzungen beschäftigt. Dort würden beinah alle Sprachlehrer der Universität aus dem gleichen Grund zusätzlichen Unterricht anbieten. Das Wohnheimzimmer, das sie sich mit drei anderen Doktorandinnen teile, koste 200 Rubel. Ihren Wintermantel, der neben ihr lag, könne sie in 8 Monatsraten abbezahlen.

- Bei soviel Arbeitszeit, um leben zu können: Wann schreiben Sie Ihre Doktorarbeit?

- Wenn alle anderen im Zimmer schlafen, hab ich ein paar Stunden.

- Und wann schlafen Sie?

- Danach.

- Was ist das Thema der Arbeit?

- Ich untersuche deutsche Zeitungen, die Darstellungen von Siegern und Verlierern im Sport.

- Reicht Ihnen Ihre Zeit dafür?

- Um 23 Uhr wird das Wohnheim zugeschlossen, danach kommt man gar nicht mehr hinein oder heraus. Die Versuchung für zu viel freie Zeit ist nicht sehr groß, und das brauche ich auch nicht. Schließlich bin ich zum Arbeiten gekommen, mit dem Doktortitel verdient man mehr.

- Halten Sie es zu viert in einem Zimmer, in dem alle wissenschaftlich arbeiten wollen, auf Dauer aus?

- Man arrangiert sich, für eine Wohnung oder ein Einzelzimmer hat keine von uns ausreichend Mittel.

- Warum haben sie die deutsche Sprache gewählt, das liegt im Fernen Osten nicht unbedingt auf der Hand?

- Weil ich diese Sprache liebe und in diesem Bereich arbeiten möchte.

- Eine Fernbeziehung?

- Ja, vielleicht. Aber eine sehr innige.

- Sind die Umstände für die Entwicklung dieser Liebe nicht etwas hinderlich? Oder ist das eine Frage des Sportsgeistes?

- Wie man bei uns sagt: In uns selbst liegen die Sterne unsere Glücks.

Inzwischen ist sie wieder zurück in Blagoweschtschensk, nach drei Jahren, weil in Irkutsk an der Universität ihre Stelle nicht verlängert wurde. Zu wenig Studenten mit Interesse für deutsche Sprache, hieß es im Institut. Die Doktorarbeit hat sie nicht beenden können.

Thema: Fernost, Universität | Kommentare (1) | Autor:

Hölle (minimal story 8)

Freitag, 6. November 2009 22:49

Wortspiele als Auszeichen eines liebevoll-intimen Verhältnisses zur Sprache sind in Russland sehr populär. Ob ein Buchladen “Лас Книгас” heißt oder ein Saft “Индиана Джус” – ein kleiner Kalauer darfs immer mal wieder sein. Und aus diesem Grund hatte ein wortspielender Student kurzerhand zwei Buchstaben vom Schild meiner Unibürotür geklaut. Die weißen Lettern sind auf die blaue Plaste nur aufgeklebt und wer möchte, nimmt sich in einem unbeobachteten Moment einen mit. Ursprünglich stand dort etwas vom “Лекторат ДААД” zu lesen, jetzt ist es das “Lektorat HÖLLE”. Die Suche bzw Wiederbeschaffung der verlorenen Buchstaben wird nun ein längerer Weg durch die Administrationskatakomben der Universität bedeuten. Dennoch: Weil mich dieser Scherz durchaus zum Lachen brachte, weigere ich mich, darin irgendeine Kritik an meiner Arbeit zu erkennen.

Lektorat HÖLLE

Thema: minimal stories, Sprache, Universität | Kommentare (0) | Autor:

minimal story 3

Montag, 17. August 2009 16:44

Für angehende Erstsemester gibt es in Irkutsk besondere Immatrikulationsrituale. Eines davon ist das kollektive Reinigen der zukünftigen Seminarräume. Fünf junge Studierende, die jemand ohne mein Wissen dazu gebeten hatte, verbrachten ihren Vormittag daher heute in meinem Büro, um es mit vereinten Kräften zu putzen, Fenster, Regale, Tische. Eine meiner Kolleginnen wies sie bei der Arbeit an. Die Studierenden taten bereitwillig, wie ihnen aufgetragen, ohne sich gegen diese Art Einführung in das kommende Studentenleben zu wehren. Immerhin konnten sie so schon einmal einige Lehrmaterialien aus der Nähe betrachten, mit denen sie demnächst arbeiten werden. Noch bis Ende August kann man täglich in allen Gängen des Universitätsgebäudes kleine Erstsemester-Putzkolonnen beobachten, wie sie sich und ihre Umgebung auf das Studium vorbereiten. Die Spuren jahrzehntelangen Subbotnik-Trainings lassen sich nicht ohne weiteres leugnen. Angesichts des tatsächlichen Schmutzes in meinem Büro bin ich meinen zukünftigen Élèven zutiefst dankbar für ihre Arbeit.

Thema: minimal stories, Universität | Kommentare (0) | Autor: