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0,01% der Reisezeit

Donnerstag, 10. März 2011 12:02

Der Reisende, mit der Straßenbahn auf dem Weg zum Bahnhof, von dort weiter ins 5200km entfernte Moskau, wurde von seinem müden Blick auf die morgendliche Stadt durch eine hektische Bewegung in Kopfhöhe abgelenkt. Eine Kohlmeise hatte sich auf ihrem Weg zur anderen Straßenseite an der Haltestelle durch eine offene Tür in den Waggon verflogen, suchte nun an den Fenstern einen Weg hinaus. Der Reisende sah dem irrenden Vogel gleichgültig-interessiert aus den Augenwinkeln zu, wie dieser nach 5 Sekunden durch eine zweite offene Waggontür hinausflog und sich zur Erholung vom Schreckmoment in wohl jenen Baum setzte, von dem er losgeflogen war.  Als die Bahn anfuhr, wendete sich der Mann wieder seiner Morgenmüdigkeit zu. Er hat ein wenig mehr als 0,01 Prozent seiner gesamten Reisezeit für den Seitenblick auf den Vogel verbraucht.

(nach Alexander Kluge)

Thema: minimal stories, Ulica | Kommentare (0) | Autor:

Unterwegs mit der Baikalrundbahn

Dienstag, 4. Januar 2011 15:51

Eine kleine Reise mit dem Кругобайкальский поезд Ende Dezember 2010.

Von Irkutsk aus führte ursprünglich die Bahntrasse der Transsib an der Angara entlang zum Baikal und von dort weiter nach Sjudjanka. Durch den Staudamm und den Bau des Wasserkraftwerks an der Angara 1950-59 stieg der Wasserspiegel von Fluss und See um etwa einen Meter und ein Teil der Strecke versank. Erhalten sind befahrbare 82km am Baikalufer.

Wer selbst fahren möchte: http://www.krugobaikalka.ru
Die Fahrt wird ganzjährig angeboten, jeweils samstags und sonntags, sie beginnt und endet in Irkutsk, Dauer etwa 12h. Ticketpreis pro Person (2010): 1250 Rubel. Im Winter wird kein Essen im Zug angeboten, im Sommer ist die Tour auch auf deutsch und englisch möglich.

Zur Bildergalerie: http://www.flickr.com/photos/51543792@N08 /sets/72157625743489112/

Thema: Baikal, Transsib | Kommentare (0) | Autor:

УРА! [UPDATE]

Dienstag, 21. Dezember 2010 23:58

Vor Kurzem gab es die Ankündigung, seit heute ist es amtlich: Ab 30. April 2011 wird die russische Fluggesellschaft “Yakutia” zweimal wöchentlich, mittwochs und samstags, den Direktflug München – Irkutsk betreiben. Die Strecke soll mit einer Boeing 757-200 geflogen werden.  Was das kosten wird, kann man bereits ab Morgen, den 22.12.2010, erfahren, denn dann werden die ersten Tickets angeboten.

Wer also noch kein Weihnachtsgeschenk hat: Wie wärs mit einer Baikal-Reise?

[UPDATE] 24.12.:

Inzwischen ist klar, dass die Flüge in beide Richtungen mittwochs und samstags angeboten werden (15.00 ab München – 5.45 an Irkutsk, Folgetag / 10.00 ab Irkutsk – 11.15 an München, gleicher Tag) und SENSATIONELL für 14.000 Rubel zu haben sind, was beim momentanen Kurs (1:40) gerademal 350 Euro sind! Also: WEITERSAGEN.

Und Fröhliche Weihnachten. :-)

Thema: Grenzenlos, Irkutsk | Kommentare (1) | Autor:

Inneneinrichtung (nature morte)

Donnerstag, 16. September 2010 21:35

Über dem Bett in der Ablage befindet sich eine Komsomolskaja Prawda, ausgelesen, das Kreuzworträtsel gelöst, zusammengefaltet. Der Beginn eines Artikels aus der Rubrik Ich verstehe das nicht ist zu erkennen, zu der Frage, warum Kleinkinder als erstes “там” = “da” sagen. Der Rest der Zeitung ist verdeckt von einer Illustrierten unbekannten Namens, ebenfalls zusammengefaltet, eine junge Frau lächelt herab. Dazu sind in der Ablage zwei Plastetüten, gelb und dunkelblau, ebenfalls gefaltet, weiterhin ein zusammengerollter Gürtel, ein benutztes Taschentuch, eine Rolle Klopapier, weiß mit lila Blumen, perforiert, außerdem hängt ein Stift herunter.

Rechts neben der Ablage über dem Bett ist eine Metallstange an das braune Sprelacart mit Holzmuster angebracht, über der ein kleines, rauhes Stofftuch hängt, ein weißes Leinen, blau gestreift, gestärkt. Das Tuch ist Bestandteil des Bettwäschepaketes und dienst als Handtuch. Es ist ordentlich gefaltet und aufgehängt.

Links neben der Ablage, die aus einem gebogenen Metallrohr besteht, das ein ca 15x50cm großes Rechteck ergibt, mit einem dazwischen gespannten Stoffnetz, und an zwei kleinen Halterungen an der Wand befestigt ist, befindet sich ein Haken. Daran hängt eine schwarze Plastetüte mit etwas Essbarem darin, aufgrund der Ausbeulungen vermutlich Waffeln oder Kekse in größerer Stückzahl. Darunter hängt eine farblos durchsichtige Plastetüte, in ihr sind zwei Äpfel, zwei handlange Gurken, ein großer Löffel und ein Portionsbeutel Instantkaffee. Die Henkel der beiden Tüten sind gedehnt, diese Tüten befinden sich seit längerer Zeit an ihrem Ort.

Zwischen die Matratze des darüberliegenden Bettes und dem etwa 15cm langen, 5cm breiten Metallhaken zur Auflage desselben neben dem Fenster an der Stirnseite des Bettes ist eine weitere Plastetüte eingeklemmt, darin befinden sich einige Birnen, ein Sechserpack Eier aus Pappe und weitere Gurken. Die Tüte hängt etwas höher als die benachbarten beiden, aber zentral über dem Kissen bzw über dem Kopf der schlafenden Person. Das Kissen selbst ist, wie auch die ausrollbare Schlafmatratze, mit dem weißen, blaugestreiften Leinen bezogen, aus dem auch das Handtuch gefertigt ist. Unter dem Kissen, nicht auf den ersten Blick erkennbar, ist die schwarze abgegriffene Handtasche, darin alle Wertsachen, die Geldbörse und der Pass der Reisenden verborgen.

Unter dem Bett, an der dem Fenster zugewandten Seite, neben der Box für Reisegepäck, die von der klappbaren Matratze verschlossen wird, stehen als Vorrate ungeöffnete Lebensmittel, eine Reihe Tetrapacks für Milch und Kefir und eine metallene Brotdose.

Am Fußende des Bettes, auf der Matratze, steht die schwarzweiß gemusterte Waschtasche, vor dieser liegt ein in eine Plastehülle gesteckter, mehrseitiger Internetausdruck des Zugfahrplans mit allen Haltepunkten, der jeweiligen Ankunft- und Abfahrtszeit sowie die Aufenthaltsdauer (in Minuten). Zusätzlich liegt ein altes Reisehandbuch bereit, das vermutlich alle Strecken der sowjetischen Bahn verzeichnet, als rote Linie in schematische Karten gezeichnet, an deren Verlauf die Haltepunkte und größere Gewässer zur Orientierung eingetragen sind. Das Buch ist aufgeschlagen auf der Seite, das den Streckenverlauf zwischen Krasnojarsk und Irkutsk wiedergibt. Befindet sich die Reisende im Abteil, liegt darauf eine Zigarettenpackung Chesterfield Gold.

Am Kleiderhaken neben der Abteiltür, auf einem zugeigenen schwarzen Plastebügel, ist ein dunkelgraues T-Shirt aufgehängt, darüber eine leuchtend hellgrüne Allwetterjacke.

Auf dem Tisch ist eine schneeweiße Tischdecke ausgebreitet, darauf liegt eine nicht gefaltete, ebenfalls ausgelesene Komsomolskaja Prawda, als Unterlage zur Schonung des hell leuchtenden Stoffes. An vorderer Tischkante und der dem Bett zugewandten Seite liegt eine ältere Ausgabe von Charlotte Brontes Jane Eyre in unbekannter russischer Übersetzung. Das Buch ist in Kunstleder mit einem ähnlich braunen Farbton wie die Abteilwände und -gardinen gebunden, Titel und Autorin waren einst mit goldenen Lettern in den Einband geprägt. Als Lesezeichen schaut am oberen Seitenrand, etwa in der Mitte des Textes, ein sauber zusammengefaltetes orangefarbenes Bonbonpapier heraus. Auf dem Buch liegt eine Lesebrille auf dem Rücken, die Bügel geöffnet. Hinter dem Buch, näher zum Fenster, steht linkerhand eine farblose Plasteschale, geöffnet, der Deckel liegt darunter. In ihr befindet sich ein Teil einer vor längerer Zeit angeschnittenen, leicht fleckigen gelben Birne, die Schnittflächen sind ebenfalls etwas gebräunt. Das Messer, ein kleineres Küchenmesser mit schwarzem Griff, liegt daneben. Rechterhand steht eine halbhohe, alte Emaille-Tasse, weiß, mit einem frühlingshaften Motiv, ein Reh trifft ein junges fröhliches Mädchen auf einer saftigen Wiese. Am Rand ist an manchen Stellen die Emaille-Beschichtung deutlich sichtbar abgeschlagen. Ein kleiner Löffel steckt darin. Dahinter sind einige auf der Zeitung liegende Teebeutel zu erkennen, sehr wahrscheinlich grüner und schwarzer Tee. Diese Dinge sind mit einem offenbar für diesen Zweck mitgeführten Leinentuch bedeckt, sehr wahrscheinlich ein abgerissenes Stück eines alten Kopfkissens oder Bettwäschebezuges. Am Fenster, noch auf der Zeitung stehend, eine angefangene Bierflasche unbekannter Marke, die zur Hälfte geleert ist und deren vom Öffner halbseitig nach oben verbogener Kronkorken wieder als Verschluss aufgesetzt wurde. Das Bier steht seit geraumer Zeit unberührt, schaumlos und zimmerwarm. Während meiner 18stündigen Anwesenheit im Coupéabteil 5 des Waggon 8 ändert sich die Position der Bierflasche nicht. Neben ihr befindet sich die rote Pappschachtel für die Teebeutel. Der Rest der Tischfläche ist frei.

Unter dem Tisch, an der die Tischplatte tragenden Metallstange ist ebenfalls eine durchsichtige Plastetüte befestigt, in der sich kleine getrocknete oder geräucherte Fische befinden. Diese Tüte schaukelt in den Fahrtbewegungen des Zuges, macht dabei aber keinerlei Geräusch. Ebenfalls unter dem Tisch, jedoch auf der Heizung, in unmittelbarer Nähe zum Kopfkissen, stehen einige Schachteln, u.a. eine gläserne Dose Nescafé, dazu eine Pappschachtel, in welcher die schwarzen Schalen der Sonnenblumensamen (aus welcher Tüte?) während der Lektüre von Jane Eyre aufbewahrt werden.

An der Metallhalterung der Matratze des gegenüberliegenden Doppelstockbettensembles ist eine weitere Plastetüte angebracht, darin steckt ein einzelne größere Forelle, geräuchert. Ein Teil ihres Fettes ist in der Wärme des Raumes zu einer bräunlichen Soße zerlaufen, in welcher kopfüber der Fisch hängt. Der Boden der Tüte ist vom Maul des Fisches an einer Stelle deutlich gedehnt, doch sie reißt nicht. Der Geruch des geräucherten Tieres hat sich in der Raumluft ausgebreitet.

Die Frau, die ihre Reiseutensilien auf solche Weise im Abteil verteilt hat, ist geschätzte Mitte 60 und wohl erfahrene Zugreisende. Ihren Platz, diesen Platz, scheint sie für ihre 7tägigen Fahrten von Moskau nach Blagoweshzhensk (und wieder 7 Tage zurück) stets in diesem Abteil zu reservieren. Von diesem Abteil werden nur zwei der vier Plätze verkauft, die frei bleibenden Betten sind Notunterkünfte für Milizionäre oder besondere Zugbegleitung, falls diese nach Meinung des Zugführers notwendig werden sollte. Da die Frau auf diese Weise meist allein in ihrem Abteil reist, hat sie für Stationen, an denen sie während längerem Aufenthalt aussteigt, um zu rauchen oder etwas Essbares zu kaufen, einen eigenen Vierkantschlüssel mit, der genau zum Schloss der Abteiltür passt, um das Coupé zu verschließen. Wie eine Wohnung.

Thema: Ästhetik, Transsib | Kommentare (1) | Autor:

Wer glaubt mir das jetzt?

Montag, 13. September 2010 0:35

Da weilt man auf Einladung in Tuwa, dem geographischen Mittelpunkt Asiens.

Zu eigenen Ehren findet die traditionelle Schlachtung, gemeinsame Zubereitung und Verspeisung eines Schafes statt, zuerst im Dorf, ausgerechnet in der ul. Internationalnaja, dann am Ufer des Jenissej bis Sonnenuntergang.

Nach altem Brauch wird für die Gäste ein Schaf geschlachtet: ein kurzer Einschnitt in die Brust des Tieres, dann fasst ein Mann mit der Hand ins Innere und erstickt das Schaf durch Zudrücken der Aorta. Die Regel stammt noch von Dschingis Khan: nicht ein Tropfen Blut des Tieres darf die Erde benetzen. Das gestockte Blut muss ich dann essen. Nationalgericht! eurasisches magazin

UND DANN VERSAGT DIE SCHEIẞVERFICKTE DIGITALVERKACKTE MODERNE DRECKSTECHNIK!

Keine Fotos.

Thema: Grenzenlos, Interkultur, Kulinarisches, Technik, Wildbahn | Kommentare (1) | Autor:

Im Äschenreich

Mittwoch, 16. Dezember 2009 2:38

“It took a day to built a city
we walk through its streets in the afternoon.”
Sting Fortress around your Heart

Plattenbau muss nicht hässlich sein, kann aber.

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Die Stadt Nerjungri, eine von Russlands jüngsten Siedlungen und gerade einmal ein halbes Jahr älter als ich selbst, ist architektonisch keine Perle des Ostens. Gegründet Mitte der 70er Jahre, um die im Permafrostboden schlafenden Kohlevorkommen ins sowjetische Leben zu befördern, entstand in kürzester Zeit mitten in der Taiga aus einer Zeltsiedlung eine Ansammlung von Holzhütten, die wenige Jahre später mit Plattenbauten zu einer Stadt aufgeforstet wurde. Diese wurde am nordöstlichsten Siedlungsgebiet von Ewenken errichtet, weshalb sie wie der nahegelegene Fluss einen ewenkischen Namen trägt: Die Äschenreiche. Äschen (Fische), ewenkischer Einfluss und Schneekristalle – so sieht das Stadtwappen von Nerjungri aus.

Als Spätprodukt der sowjetischen Industrialisierung und zeitgleich mit dem Bau der BAM steht die Stadt für einen weiteren Triumph sowjetischen Fortschrittsdenkens, jede noch so gestrenge Natur und Umgebung technisch zu erobern und beherrschbar zu machen. Ästhetische Erwägungen spielen hierfür – naturgemäß – keine Rolle. Statt dessen  dominieren Plattenbauten mit verschiedenfarbigen Anstrichen das Leben der Stadt, errichtet für die Arbeiter im Kohleabbau, in der Kohleverarbeitung und im Kohlekraftwerk. Gebürtige Nerjungriner muss das nicht davon abhalten, ihre Stadt als schön zu beschreiben.

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Zur Zeit der Errichtung der Stadt und dem etwas entfernt gelegenen, mit für Schwertransport geeigneten Ausmaßen gesegneten Flughafen zogen Arbeiter aus der gesamten Sowjetunion, vom Schwarzen Meer ebenso wie aus Moskau und Vladivostok, nach Südjakutien und ließen sich, Außentemperaturen von bis zu -50°C zum Trotz, häuslich nieder. Manchmal wird dies auch stolz mit der Besiedlung des amerikanischen Westens verglichen.

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Auch wenn die Stadt nicht unbedingt vor Ausländern überquillt, kann man im Hotel Timpton, benannt nach einer nahegelegenen kleinen Gebirgskette, durchaus die real existierende globalisierte Welt erleben: Per Satelitenfernsehen lassen sich auf den Zimmern 4 Sender aus Turkmenistan empfangen (neben einem ukrainischen Sender die einzigen nicht-russischen Programme), von denen 3 ziemlich genau das gleiche zeigen, aber mit anderer Hintergrundmusik. Auf einem dieser Kanäle war nun, mitten im endlosen sibirischen Wald, als turkmenische Übersetzung eines Beitrags der Deutschen Welle, ein Kurzportrait meiner Geburtstadt Erfurt zu sehen. Ein unerwarteter Anblick, der mich seither rätseln lässt, wieviele Turkmenen sich, wie ich, eigentlich nach Nerjungri verlaufen und wieviele von ihnen sich, wie ich, demnächst in Erfurt aufhalten werden.

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“Die chinesiche Mauer” – Nerjungris längstes Gebäude (ca. 300m)

(wird fortgesetzt)

Thema: Architektur, Fernost | Kommentare (0) | Autor:

3336 Kilometer Zugfahrt

Dienstag, 21. April 2009 15:04

Von Chabarowsk nach Irkutsk, 14. April, 10.45 Uhr – 16. April, 17.30 Uhr, 2009. Zweieinhalb Tage im Zug, drei Zeitzonen auf dem russischen Globus. Ich habe aus 342 Fotos 62 Bilder ausgewählt, von denen ich noch einmal die Hälfte aussortiere. Wieviel Foto verträgt dieser Eintrag? Es bleiben übrig: die Landschaft da draußen, drei Blicke durchs Glas.

I
Chabarowsk – das Jüdische autonome Gebiet um Birobidjan – Skovorodino

Der Zug taucht sofort nach Verlassen der Hauptstadt des Fernen Ostens unter der Sonne hindurch, es beginnt zu schneien. Bis zum Ende des Tages. Bis wir uns sinnlos teuer im Zugrestaurant Essen bestellen. Bis wir einschlafen und sich der Waggon vollständig geleert hat. Bis zum nächsten Morgen.

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II
Mogocha – Region Chita

Eigentlich beschäftige ich mich nicht mit Fotografie. Plötzlich habe ich 3 Apparate zur Verfügung (zwei haben wir sowieso, einen habe ich noch in Vladivostok gekauft). Plötzlich erscheint jeder Blick aus dem Fenster erhaltenswert, museal wertvoll. Unendliche Landschaft, gelb und grau, kalt und leer. Der Norden Asiens ist das absolute Gegenbild zum warmen, vielbevölkerten Süden. Hier muss man stundenlang in die Grasweiten schauen – nirgendwo eine Siedlung. Hin und wieder ein einsamer Streckenposten. Eine Meditation. Der langsame Wandel der Landschaft. Fotos, vom Fensterschmutz getrübt. Manchmal brennt die Weite da draußen.

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III
Ulan-Ude – Baikal – Irkutsk

Und dann, nach mongolischer Steppe, der Selenga, dann ist er da: der See. Gefroren, blendend, ungeheuer. Die Fahrt um das Südende dauert 3 Stunden. Die Zugbegleiterin lächelt über meine Ungeduld. Sie putzt den Waggon. Täglich, um die Mittagszeit. Ihre Kollegin schläft, sie ist nachts zuständig. Ein junger Holländer glaubt, nicht nur zum putzen. Ich schaue aus dem Fenster. Nach dem See beginnt die Unruhe: Das Zuhause nähert sich. 55 Stunden sind keine Zeit.

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Thema: Fernost, Grenzenlos, Transsib | Kommentare (0) | Autor:

Nicht nachvollziehbare Gründe der Einreise

Dienstag, 30. Dezember 2008 16:32

Ein junger russischer Biologe aus Irkutsk beantragt im Herbst 2005 ein 6-monatiges Stipendium für einen Forschungsaufenthalt in Deutschland, um seine Doktorarbeit vorzubereiten. Dazu benötigt er neben einem ausgearbeiteten Forschungsplan auch die schriftliche Betreuungszusage eines deutschen Professors und die Einladung seines Instituts. Die Kontaktaufnahme zu einem Biologieprofessor aus Hannover verläuft problemlos, er ist mit seinem Forschungsvorhaben einverstanden und hat die notwendige Einladung geschickt. Das Forschungsstipendium wird bewilligt und mit der schriftlichen Einladung aus Hannover begibt sich der russische Nachwuchswissenschaftler in das knapp 2000km und zwei Zeitzonen entfernte Generalkonsulat Nowosibirsk, um ein Visum für die Einreise nach Deutschland zu beantragen. Das Stipendium und das Visum sollen am 01.10.2006 beginnen.

Die Freundin des jungen russischen Biologen – sie haben sich während einer Reise nach Russland kennengelernt und sie ist oft wegen ihm an den Baikal gefahren, auch im Winter 2005/06 – ist in ihre Dresdener Wohngemeinschaft zurückgekehrt und hat ihre Schwangerschaft festgestellt. Die Ärzte prognostizieren die Geburt des deutsch-russischen Kindes für Ende September 2006. Die Nachricht von der Stipendienzusage ihres Freundes erreicht sie rechtzeitig, um die Wohngemeinschaft zu kündigen und sich auf Wohnungssuche in Hannover zu begeben. Sie planen, nach Ablauf des Stipendiums gemeinsam nach Irkutsk zu ziehen und dort ein Leben aufzubauen. Weil ihr Freund gern bei der Geburt des Kindes anwesend sein möchte, bittet er in Absprache mit seiner Freundin den Hannoveraner Professor, die Einladung für seinen Stipendiensaufenthalt aus nachvollziehbaren Gründen um zwei Wochen auf Mitte September vorzudatieren. Der Professor antwortet ihm, er habe erwartet, dass der russische Kollege nach Deutschland kommen wolle, um seine Forschungspläne zu verfolgen, statt dessen scheine er diese als Vorwand für private Pläne zu nutzen. Gleichzeitig entzieht er ihm die bereits ausgesprochene Einladung.

Trotz dieser Rückschläge möchte der junge Biologe die Geburt seines Kindes in Deutschland erleben. Um zu seiner Frau zu gelangen, die inzwischen die Vorbereitungen zum Umzug nach Kiel rückgängig gemacht hat und zwischenzeitlich nach Auszug aus ihrer Wohngemeinschaft hochschwanger bei ihren Eltern lebt, beantragt der junge Mann ein Touristenvisum nach Deutschland, und besorgt sich auf Anraten eines Freundes einen neuen Pass, in dem die Ablehnungsvermerke nicht ersichtlich sind. Doch das Generalkonsulat führt eine Liste, auf der endgültig abgelehnte Antragsteller verzeichnet sind – und auch er neue Pass schützt nicht vor der Einreiseverweigerung. Schließlich beantragt er ein Visum bei der finnischen Botschaft und reist Anfang Oktober 2006 über Skandinavien ohne Einreiseerlaubnis nach Deutschland zu seiner Freundin und seiner inzwischen drei Wochen alten Tochter. Die junge Familie verlässt Deutschland wenige Wochen später über die Tschechische Republik in Richtung Baikal.

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Thema: Grenzenlos, Universität | Kommentare (0) | Autor: